Mein Vorhaben

hier ist es: mein vorhaben

Die Mao-Bibel schwenkende Rote Garde. Schnitt. Konsumenten, die freudestrahlend ihr verpacktes iPhone 5 schwenken. Schnitt. Massenkundgebung der Großen Proletarischen Kulturrevolution. Ein Mausklickton. Das Geräusch lenkt die Aufmerksamkeit auf die rechts oben im Bildschirm eingeblendeten Worte „Idea of Society“. Schnitt. Jubelnde Smartphone-Erwerber des Konzerns Apple Inc.. Ein Mausklickton. Oben rechts erscheint der Schriftzug „Idea of Self“.1

Die eingangs beschriebenen Trailersequenzen zu „IPHONECHINA“ und die ARTE-Fernsehsendung „Apple: Ein neuer Staat?“ weckten im Jahr 2014 mein Interesse an Christian von Borries‘ Essayfilmen. Der Gastprofessor für Intermediale Kunst an der Chinesischen Kunstakademie in Hangzhou [Stand 2020]2 und damals in Berlin ansässige Dirigent, Flötist, Komponist, Produzent und Filmemacher befragt in seinem Essayfilm „IPHONECHINA“, ob die Wahl des Rezipienten auf China oder Apple Inc. als Regierung fallen würde. Inspirationsquellen für „IPHONECHINA“ sind nach Borries (1.) Begriffe wie Japan Inc. und Deutschland AG. (2.) Steve Jobs autorisierte Biografie, die gleich neben der autorisierten Mao Biografie des Souvenirladens am Tiananmenplatz auslag. (3.) die Aussage des ehemaligen Chief Executive Officer (Abkürzung: CEO) Eric Schmidt von Google Inc..3 In einem Interview antwortete Schmidt auf die Frage, wie sich die Beziehung von Apple Inc. zu Google Inc. gestalte: „The adult way to run a business is to run it more like a country. They have disputes, yet they‘ve actually been able to have huge trade with each other. They‘re not sending bombs to each other.“4 Nach Schmidt führen multinationale IT-Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Facebbook Inc., Amazon.com Inc. und Microsoft Corporation (Abkürzung: GAFAM) keine Bombenkriege5, sondern betreiben Handel – ähnlich wie Staaten. Ob das Handels‑ und Patentkriege ausklammert, bleibt offen. Parallelen des Google– und Apple‑Unternehmens zum Staat präzisiert Schmidt mit dem Kommentar: „I think both Tim [Cook, Apple‘s, Inc. CEO in 2012] and Larry [Page, Google‘s, Inc. CEO in 2012], the sort of successors to Steve [Jobs, Apple‘s, Inc. co-founder, chairman and CEO in 2012] and me if you will, have an understanding of this state model. When they and their teams meet, they have just a long list of things to talk about.“6 Multinationale IT‑Unternehmen ziehen Parallelen zum Staatsmodell und verschiedene Präsidenten sowie die deutsche Bundeskanzlerin zum Unternehmensmodell. Bill Clinton, der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte nach seinem Amtsantritt im Jahr 1993 vergleichsweise, dass jede Nation wie ein großer Konzern sei, der im weltweiten Wettbewerb stehe. Von Bill Clinton bis Barack Obama, von Jacques Delors bis Angela Merkel blieb die Diktion der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten.7 Donald Trump, der 45. US-amerikanische Präsident betonte in seinem Wahlkampf, Amerika wie ein Unternehmen führen zu wollen und lancierte sich als „Dealmaker“. Was bedeutet es, wenn sich Unternehmen an Staaten angleichen und umgekehrt? Welches Verständnis haben multinationale IT-Unternehmen konkret von einem Staatsmodell und Staaten von einem Unternehmensmodell?

Ich habe hier flüchtig 35 Sekunden die filmische Form von Christian von Borries‘ „IPHONECHINA“-Trailer zu Papier gebracht. Wie skizziert, stellen sich mir als Rezipientin Fragen. Das liegt an Borries‘ offener Filmstruktur. Seine Essayfilme legen neo‑dadaistisch in‑sich‑Widersprüchliches frei. Filmisch verengt er Themen weder auf einfache noch auf eindeutige Antworten. Ohne seine theoretische Übersetzung, die ich im Anschluss mit Interviewzitaten und Berichterstattungen unterfüttert habe, wäre der Spielraum für Deutungsarbeit offen gewesen. Seine Essayfilme (THE DUBAI IN ME, MOCRACY – NEVERLAND IN ME, I‘m M (Soy México), IPHONECHINA, DESERT OF THE REAL, [Stand 2020]8) lassen viele Deutungen zu und widersetzen sich einer Deutungshoheit. Meine persönliche Deutungsarbeit spiegelte mir, wie sich mein Denken und meine Wahrnehmung an autorisierten und urheberrechtlichen Produktionen orientierte. Ich bewegte mich entlang meiner gewohnten Wege des Denkens und Wahrnehmens. Ich begann die filmischen Brüche kitten zu wollen. Ich ertappte mich bei meinem Anlauf dokumentarische Lücken, Gedächtnis- und Wissenslücken schließen zu wollen. Ich wollte das Gesehene raum-zeitlich und geschichtlich ordnen und organisieren. Meine Sicherheit zu wissen, verkehrte sich bei meiner Deutungs- und Erinnerungsarbeit zur angemaßten Gewissheit. Ich fragte mich, inwieweit meine Erfahrungen ein Produkt von Produktionen sind. Worauf stützte sich, womit ich die Leerstellen sinnstiftend füllen wollte? Ich blickte auf meine Denk- und Wahrnehmungsrouten, die ich routiniert9 jeden Tag beschritt. Alltägliche Abläufe geben meinem Denken Raum zum Durchatmen und nehmen mir Raum zum vagabundierenden Denken. Herumwandern abseits des Weges lässt mich meine Allgemeinplätze wahrnehmen und sie verlassen. „[D]ie Fremdheit des Alltäglichen“10 verschafft mir frische Eindrücke. Mein Blick öffnet sich für Widersprüche, in denen ich mich tagtäglich bewege. Mir wird die Komplexität klar, die für gewöhnlich ‚auf der Strecke bleibt‘. Eine Komplexität, die bei auditiven und/oder visuellen Dokumentationen häufig auf ein Entweder-Oder reduziert wird, selten auf ein Sowohl-Als-Auch. Mir werden viele mögliche Wege deutlich, etwas zu sehen, zu denken und ‚anzugehen‘. Ich werde auf meine geschulten Seh‑  und Hörgewohnheiten aufmerksam. Visuelle und/oder auditive Dokumentationen appellieren häufig an meine Gefühle. Das ‚Emotionalisieren‘ verringert für mich die Möglichkeit des kritischen Abstands. Borries‘ online frei einsehbaren Essayfilme geben mir Raum zu vagabundieren. Abseits der Betroffenheit stellen seine Essayfilme meine eingeübte An:Sicht auf die Probe – auch das umkreiste und seitenverkehrte Ɔ unterhalb der Videoabspielleiste. Das Copyleftsymbol wendet sich vom lateinischen modernen Alphabet ab, das ich in der Schule gelernt habe. Die Abkehr vom C des Copyrights widersetzt sich vom abgrenzenden und ordnenden „mein“ und „dein“ des mir unterrichteten Eigentums. Seine schwarmfinanzierten (engl.: Crowdfunding), urheberrechtsfreien Essayfilme höhlen meinen Usus (also Gewohnheit) aus11.

Im Sinne von „steter Tropfen höhlt den Stein“ arbeiten seine Essayfilme in mir. Für mich wird meine Gewohnheitsbildung als die Gewöhnung anetwa staatlich und privat autorisierte und organisierte Erinnerungerkennbar. Was zur Bildung meines Gedächtnisses, meiner Identität und Persönlichkeit geführt hat, gerät in Unruhe. Wer waren und sind die Urheber meiner Bildung, was ihre Interessen? Borries‘ Essayfilme zeigen mir, wie ich selbst Sinn über die Zeiterfahrung von „gedeuteter Vergangenheit, wahrgenommener Gegenwart, erwarteter Zukunft“ bilde (Selbsterfahrung). Ich nehme wahr, wie sich Sinn über fremde Zeiterfahrung bildet (d. h. Fremderfahrung des Zeitgeschehens durch das staatliche und das private Umfeld). Seine Essayfilme motivieren mich, kritisch autorisierte Geschichts-, Rechtsbildung und Bildung zu prüfen. Mir wird klar, dass es sich bei der Geschichte, dem Recht und der Bildung weder um eine abgeschlossene noch um eine überparteiliche oder überzeitliche Vergangenheit handelt, frei von Interessen oder von sozialen Bedingungen. Allgegenwärtig und vergegenwärtigt ist die Vergangenheit dynamisch und offen für Deutung, Wahrnehmung und Erwartung. Die Erinnerungsbewegung wird bei Borries zur Erneuerungsbewegung. Wie? Borries „media [made] from other media“12 verleibt sich (teils urheberrechtlich geschützte) Archivbestände ein. Die autorisierten Erinnerungsproduktionen füttert er mit Eigenproduktionen. Im „Manifest für einen neuen Film“ aus dem Jahr 2014 begründen Christian von Borries und Nina Franz das wie folgt: „Das Material ist schon produziert, die technischen Mittel hat jeder schon in der Hand. Wer zum Geschichte machen zugelassen ist und wer nicht, ist keine im Voraus ausgemachte Sache“13. Borries verwendet „Überbleibsel“14 (engl.: leftovers) autorisierter Erinnerungsproduktionen. Die Wiederverwertung trägt zur Umwertung bei, zum einen von Erinnerungsproduktionen und zum anderen von Re:Finanzierungsmodellen. Die urheberrechtliche „Drohkulisse“15, die er als „kapitalistische, lediglich auf Verwertungszusammenhänge ausgerichtete strategische Annahme und Übereinkunft der Content Industry“16 (dt.: Industrie für multimediale Informationsinhalte) bezeichnet, wird im Gegenteil bespielt. Für seine urheberrechtsfreien Essayfilme bemüht er programmatisch Schwarmfinanzierung (engl.: Crowdfunding). Das lege ich als digitalen zivilen Ungehorsam aus. Als ausgebildete Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin fasziniert mich die Themenvielfalt, die Christian von Borries‘ urheberrechtsfreien und gruppenfinanzierten Essayfilme bieten.

Bei meinem Vorhaben der Themenvielfalt des digitalen zivilen Ungehorsams von Borries beizukommen, erhebe ich keinen Anspruch auf Objektivität und/oder Überparteilichkeit. Ähnlich der Bildungssoziologin Eve Ewing sehe ich das kritisch.17 Deshalb möchte ich an meinem persönlichen, beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang aufmachen, welche Fragestellungen sich für mich entwickelt haben. Aus den Fragestellungen, die auf Borries‘ filmischer Form und theoretischer Übersetzung beruhen, ergeben sich meine persönlichen Forschungsinteressen.

 

1 Borries, Christian von: IPHONECHINA, Trailer. (3. Februar 2014). In: ders. Hrsg: masseundmacht. URL: https://www.youtube.com/watch?v=5LGFoJWMwj8, aufgerufen am 3. April 2020.

Die von mir beschriebenen Ausschnitte kommen ab der 2:39 Minute bis zur 3:26 Minute. Das Vorlesen aus der Mao-Bibel von der 3:01 Minute bis zur 3:13 Minute habe ich ausgelassen. Sein gesamter urheberrechtsfreier Film (siehe Abspann 1:07:04 „no rights reserved 2014)“ ist auf Vimeo einsehbar. URL: https://vimeo.com/119177497, aufgerufen am 3. April 2020.

2 Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

3 ARTE (2014): SQUARE. Apple: Ein neuer Staat? Erstausstrahlungstermin der Fernsehsendung: 13. April 2014. Einsehbare URL: https://www.youtube.com/watch?v=krLqqZljFRA.

4 Bates, Daniel (2012): Google boss claims it is ‚extremly curious‘ the search giant has not been sued by Apple. (5. Dezember 2012). In: Dacre, Paul (Chefredakteur): Daily Mail. London: DMG Media, URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html, aufgerufen am 16. April 2014.

5 Steve Jobs kündigte einen Atomkrieg an, als die Konkurrenz Produktdesignelemente von Apple Inc. kopierte. Am 17. Mai 2014 wurde der Smartphone-Patentkrieg zwischen Apple Inc. und Google Inc. nach Presseberichten beigelegt (Vgl. Bates (2012), URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html). Personalpolitisch drohte der Apple-Gründer Googles Sergey Brin mit einem Krieg. Aufgrund dessen vereinbarten Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Intel und Adobe zwischen 2005 und 2009 ein Abwerbe-Verbot von Mitarbeiter:inne:n. Die Geheimabsprache der Unternehmen enthüllte eine von 64000 Arbeitern aus dem Silicon Valley eingereichte Sammelklage (Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine. (ab circa 1:23:37 | Stunde:Minute:Sekunde der Dokumentation).

6 Solomon, Kate (2012): Schmidt: Apple v Google is a cold war, not a riot. (5. Dezember 2012). In: Anderson, Chris (Gründer): TechRadar. Bath (England): Future Publishing Limited Quay House, URL: https://www.techradar.com/uk/news/phone-and-communications/mobile-phones/schmidt-apple-v-google-is-a-cold-war-not-a-riot-1117305, aufgerufen am 20. April 2016.

7 Vgl. Willmroth, Jan (2015): Wettbewerbsfähigkeit. Das Falsche Wort. In: Friedmann, Johannes/ Rebmann, Richard/ Schaub, Thomas (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung. Süddeutsche Zeitung Nr. 162, Freitag, 17. Juli 2015. München: Süddeutsche Zeitung GmbH.

8 Alle genannten Filme können auf Borries Vimeo-Kanal masseundmacht gesichtet werden. URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020.

Im November 2019 hat er seinen neuesten Film „AI is the Answer – What the Question?“ fertiggestellt, der auf Vimeo voraussichtlich im Jahr 2020/2021 zu sehen sein wird (Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

9 Routine leitet sich von Route ab.

10 Certeau, Michel de (1988): 7. Kapitel. Gehen in der Stadt.Voyeure oder Fußgänger. In: ders. (Hrsg.): Kunst des Handelns. Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Voullié. Berlin: Merve Verlag Berlin, S. 182 [Original: L‘invention du quotidien. 1Arts de Faire. Union Générale d‘editions, coll 10/18, Paris 1980].

11 Vgl. Borries, Christian von/ Franz, Nina (2017): Manifest für einen neuen Film. URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 24. April 2017. Im 2017 einsehbaren Manifest sprachen beide von einer „präzisen Ambiguität“ zur Aushöhlung der „Repräsentationslogik“.

12 Vgl. Borries, Christian von (2014), URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 6. Mai 2020.

13 Borries, Christian von/ Franz, Nina (2014), URL: masseundmacht.com.

14 Andy Warhol sagt über seine Arbeit mit „Übrigbleibseln“: „Ich arbeite gern an Sachen, die irgendwie übrig geblieben und in Vergessenheit geraten sind. Für diese LEFTOVER habe ich eine Vorliebe.“ Mit seiner Wiederverwertung und Aufwertung (engl.: Re-/Upcycling), so Warhol, spare er Arbeit und Leute. Sein Geschäft laufe als Nebenprodukt eines anderen Geschäfts, das unter Konkurrenzdruck arbeiten müsse. Also sei seine „Resteverwertungsphilosophie“ eine „äußerst ökonomische Angelegenheit“ (Vgl. Warhol, Andy (1977): The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again). Oregon (USA): Harvest House Publishers, S. 94).

15 Dobusch, Leonhard (2014): Remixer #38 Christian von Borries: „Die Zeiten werden härter“. (19.03.2014). In: Beckedahl, Markus (Hrsg.): netzpolitik.org. Berlin: netzpolitik.org e. V., URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

16 Dobusch (2014), URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

17 Nach Ewing dient Objektivität häufig als Deckmantel für Eigeninteressen, Macht und Privilegien gesellschaftlich dominanter Gruppen (Vgl. Ewing, Eve (2018): Introduction. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 7).

Christian von borries’ iphonechina trailer

christian von borries’ iphonechina Film

fragestellungen und forschungsinteressen

Digitale Barrierefreiheit durch Gemeinfreiheit und Schwarmfinanzierung?

Meine persönlichen Forschungsinteressen kristallisierten sich langsam nach meinem Masterabschluss im Jahr 2014 heraus. Der Titel meines Vorhabens beruht auf Prof. Dr. Joachim Fiebach der Freien Universität Berlin. Die begriffliche Fülle seines Titels „Digital-Theatrale-Konstruktionen“ treibt mich bis heute wissenschaftlich um und an. Wie lassen sich die drei griffig klingenden Wörter fassbar machen? Sein Vorschlag das Critical Art Ensemble als Vergleichsfolie für Borries‘ urheberrechtsfreie Werke online zu nehmen, verstärkte meine zur Überforderung neigende Herausforderung. Für mich stellte sich die Frage, wie ich der künstlerischen und wissenschaftlichen Fülle unabhängig beikommen könnte. Ohne wissenschaftliche Begleitung und Förderung folgte ein Prozess des Entwerfens und Verwerfens. Universitäre und berufliche Türen, die mir verschlossen blieben, erschloss ich mir über Praktika und Bundesfreiwilligendienste. Mein Praktikum bei einer Agentur, die Buchneuerscheinungen, Theater-, Film- und Fernsehproduktionen vermarktete, gewährte mir Einblicke ins Marketing, in die Presse- und in die Öffentlichkeitsarbeit. Das half mir, meine ersten Schritte als Pressemitarbeiterin beim Deutschen Schwerhörigenbund e. V. zu gehen. Ihre Pressearbeit zur Inklusion und zur Barrierefreiheit regte mich an, über Zugänglichkeit nachzudenken. Wie werden Menschen von der Gesellschaft behindert? Auf welcher Grundlage werden Menschen behindert? Wie können Barrieren gesellschaftlich und wirtschaftlich abgebaut werden? Zur Fördermittelbeschaffung und zur öffentlichen Sensibilisierung dokumentierte ich den Europakongress über Hörminderung für Aktion Mensch. Im Anschluss entwickelte sich meine berufliche Leerlaufphase zur Lehrphase. Ich erlebte persönlich den Unterschied von barrierefreier Inklusion1 zur barrierereichen Integration. Die Frage, wie sozio-ökonomische Barrieren in verschiedenen Bereichen geschafft werden und abgeschafft werden können, wurde durch meine Integrationserfahrungen verstärkt. Ich engagierte mich ein Jahr kulturell für das Allgemeinwohl. An der internationalen Mediathek für Tanz und Theater zeigte mir mein Bundesfreiwilligendienst, wie verschlungen sich die Pfade des Urheberrechts für audiovisuelle Dokumentationen gestalten können. Meine Tätigkeit regte mich an, mein Augenmerk auf urheberrechtlich geschützte Erinnerungsproduktionen zu richten. Ich machte mir Gedanken, ob gemein-/urheberrechtsfreie Werke im Vergleich zu urheberrechtlich geschützten Werken gesellschaftlich und wirtschaftlich barrierefreier sind. Begünstigen gruppenfinanzierte und gemeinfreie Projekte online Gleichheit und Zugänglichkeit?

 

1 Bei der Inklusion wird unter Anerkennung und Abwägung aller Interessenparteien gemeinsam eine Lösung gesucht, eine Lösung, die für alle Interessenparteien in ihrer Unterschiedlichkeit möglichst gleichermaßen geeignet ist. Inklusion soll für ein gleichberechtigtes nebeneinander sorgen. Bei der Integration soll sich der Betroffene vergleichsweise an das System anpassen.

Bildung als Produkt autorisierter Erinnerungsproduktion?

Ich fragte mich, wie der französische Philosoph Paul Ricœur, [w]as wird erinnert, wie wird erinnert, wer wird erinnert“1? Was erinnert und wer erinnert woran? Wie wird die Erinnerungsproduktion materiell und finanziell dauerhaft getragen? Was wird an archivarischem Dokumentationsmaterial bewahrt und was wird – im Gegenteil – ‚kassiert‘? Für mich schält Borries filmisch und urheberrechtlich heraus, was Paul Ricœur als theatralenöffentliche[n] Aspekt des Schauspiel(s) im Zuviel an Gedächtnis hier und einem Zuviel an Vergessen dort“2 beschreibt.

Ich schildere nachfolgend drei Beispiele, wie unterschiedlich und wie theatral sich Deutungs-, Erinnerungs- und Trauerarbeit gestalten kann. Die tragende und die billigende Rolle des Publikums bei der Inszenierung autorisierter Erinnerungsproduktionen möchte ich auch ins Auge fassen. Was nehme ich für mich als ‚Medienkonsument‘ an Sinnbildung an, was lehne ich eher ab? (1.) Weltweit haben Millionen Menschen ihre Trauer um Apple-Gründer Steve Jobs bekundet. Viele legten Blumen, Briefe an Apple-Filialen ab und zündeten Kerzen an. Trauernde wählten online für ihr Facebook-Profil ein Apple-Logo oder ein Foto von Steve Jobs. Auf Twitter kommunizierten viele ihre Trauer über das Hashtag #thankyousteve oder #iSad.3 Die, für westliche Industriestaaten übliche, Trauerzeremonie gestaltete sich diskret. (2.) Bei Arbeiter:inne:n, die tagtäglich AppleGeräte fertigen, gestaltete sich die Trauer anders. Die Trauer um verstorbene Foxconn-Fabrikarbeiter:innen gleicht eher Susan Sontags Eindruck wie „Das Leiden anderer betrachte[t]wird. In Berichterstattungen aus dem Jahr 2011 wird gezeigt, wie dunkle Rauchschwaden aus den Fenstern des detonierten Fabrikgebäudes strömen. Zu hören ist Stimmengewirr bereits geflüchteter und flüchtender Fabrikarbeiter:innen. In ihren Gesichtern, die von vorn zu sehen sind, zeichnet sich Angst und Schrecken ab. Eine bewusstlose Fabrikarbeiterin wird von einem Sanitäter zügig zum Krankenwagen gebracht und ins Fahrzeug gelegt. Die beschriebenen Aufnahmen sind ein abgeschwächter Eindruck davon, wie die Arbeiter:innen leiden. Diese autorisierte Inszenierung pendelt zwischen Grausamkeit und Faszination, zwischen Appell und Belanglosigkeit. Die 4 verstorbenen und 77 verletzten4 Fabrikarbeiter:innen bleiben in Berichterstattungen im Gegensatz zu Steve Jobs namenlos. Jobs Ableben vergleichsweise aufzuzeichnen, würde als geschmacklos aufgefasst werden. (3.) Im Jahr 2010 sickern bereits die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Foxconn durch. Es wird bekannt, dass sich 18 Fabrikarbeiter:innen aufgrund von Arbeitsbedingungen vom FoxconnGebäude stürzen. Danach sind in Berichten aufgespannte Netze um das Fabrikgebäude zu sehen. Was die Netze verbergen, enthüllen Recherchen von zwei Nichtregierungsorganisationen. Die britische Tageszeitung The Guardian informiert, dass Arbeiter:innen unterzeichnen müssen, dass sie sich während der Arbeit nicht das Leben nehmen wollen. Sollte das entgegen der Vereinbarung trotzdem geschehen, dürfen die Familien nur ein Minimum an Schadensersatz fordern.5 Steve Jobs wird auf der Bühne von einem Interviewer und einer Interviewerin dazu befragt. Er äußert die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen für China seien überdurchschnittlich gut. In seiner Argumentation vergleicht er das FoxconnUnternehmen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und äußert: „Sie haben 400.000 Menschen an diesem Ort. Also sind 13 [Menschen] von 400.000 [Menschen] bisher 26 pro Jahr. Für 400.000 Menschen, oder sagen wir für 7 pro 100.000 Menschen, liegt die Selbstmordrate immer noch unter der US-Selbstmordrate von 11 pro 100.000 Menschen. Aber es ist wirklich beunruhigend.“6 Die Todesrate stützt sich auf irritierende Zahlen, die Zahlen können als ganz sachliche Inszenierung von Geschehnissen seitens Jobs gewertet werden. Nach der Soziologin Wendy Espeland erwecken Messungen den Eindruck – frei von Emotionen darzustellen „was ‚wirklich vor sich geht‘.“ Messungen würden riesige Informationsmengen auf eine leicht verständliche Zahl reduzieren. „[E]ine Einfachheit, die andeutet, dass es nichts zu verbergen gibt, ja, dass nichts verborgen werden kann.“7

 

1 Vgl. Ricoeur, Paul (2004): Erster Teil. Über Gedächtnis und Erinnerung. Zur allgemeinen Orientierung. In: ders. (Hrsg.): Gedächtnis – Vergessen – Geschichte. Aus dem Französischen übersetzt von Markus Sedlaczek, Hans-Dieter Gondek und Heinz Jatho. München: Wilhelm Fink Verlag, S.22.

2Vgl. Ricoeur, Paul (2004): Vorwort. In: ders. (Hrsg.): Gedächtnis – Vergessen – Geschichte. Aus dem Französischen übersetzt von Markus Sedlaczek, Hans-Dieter Gondek und Heinz Jatho. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 15.

3 Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine, zu Beginn des Films.

4 ts/dpa (2012): Apple-Fertiger. Foxconn-Arbeiter sterben fürs iPad. (30.03.2012). In: Clausen, Sven Oliver/Noé Martin (Chefredakteure): Manager Magazin. Hamburg: Manager Magazin Verlagsgesellschaft mbH, URL: https://www.manager-magazin.de/digitales/it/a-824713.html, aufgerufen am 20. April 2020. Und Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine, (ab circa 1:35:03 | Stunde:Minute:Sekunde der Dokumentation).

5 Chamberlain, Gethin (2011): Apple‘s Chinese workers treated ‚inhumanely, like machines‘. Investigation finds evidence of draconian rules and excessive overtime to meet western demand for iPhones and iPads. (30. April 2011). In: Viner, Katharine (Hrsg.): The Guardian. London (Großbritannien): Guardian News & Media Ltd., URL: https://www.theguardian.com/technology/2011/apr/30/apple-chinese-workers-treated-inhumanely, aufgerufen am 18. April 2020.

6 Jobs ausführliche Antwort kann eingesehen werden auf: URL: https://www.youtube.com/watch?v=2gOu50HaEvs, aufgerufen 24. April 2020.

7 Vgl. Ewing, Eve (2018): Chapter 3. Dueling Realities. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. S. 101 zitiert nach Espeland and Sauder: Engines of Anxiety, S. 1.

Datenschutz, emanzipatorischer Mediengebrauch und neue Re:Finanzierungsmodelle

Nach meiner zweiten bewerbungs- und forschungsreichen beruflichen Lehrphase leistete ich meinen Bundesfreiwilligendienst im Bereich Kommunikation und Marketing an der Komischen Oper Berlin. Meine Pressearbeit an der Komischen Oper Berlin steigerte mein Interesse an der Steuerung öffentlicher Aufmerksamkeit. Was braucht es für einen Dreh1, um die Interessen der Politiker:innen, der Unternehmer:innen, der Nichtregierungsorganisationen und/oder nicht gewinnorientierten Organisationen mit öffentlichen Interessen zu vereinbaren? Welche Kommunikationsstrategien gibt es on- und offline? Ich lernte etwa Advertorials kennen. Bei Advertorials tarnt sich Unternehmenswerbung als unabhängiger journalistischer Beitrag. In der Platzierung, Gestaltung und Nähe zu unabhängigen redaktionellen Beiträgen heben sich Advertorials und Native Advertising kaum von Berichterstattungen ab. Cambridge Analytica schaltete online gezielt Advertorials2 und Native Advertising – für Trumps Wahlkampfkampagne und für die Brexitkampagne. Das gelang mit Mikrotargeting. Im ersten Schritt musste Zielpublikum für das Mikrotargeting ausgemacht werden. Cambridge Analytica gelangte, laut Brittany Kaiser, über Quizfragen der FacebookAnwendung Sex Compass und Musical Walrus an Datensätze. Die App This Is Your Digital Life bot Facebook-Nutzern einen Persönlichkeitstest an.3 Beim Persönlichkeitstest handelte es sich um das psychometrische OCEAN‑Modell. Das Modellsst Aufschluss über das Verhalten zu. Mit dem Fünf-Faktoren-Modell lässt sich psychologisch messen, wie erfahrungsoffen (O für openness to experience), gewissenhaft (C für conscientiousness), extrovertiert (E für extraversion), sozialverträglich (A für agreeableness), labil und verletzlich (N für neuroticism) der Testnehmer ist. Circa 270 Tausend4 Anwender:inne:n stimmten nach Beenden des Tests vom Drittanbieter Global Science Research dem Zugriff (a.) auf ihre FacebookProfile zu und (b.) auf ihre gesamten FacbookKontakte. „[Ü]ber eine von Facebook angebotene Programmierschnittstelle“ (konkret die Friends API) gelangte Aleksandr Kogans Global Science Research so an insgesamt 87 Millionen detaillierte Persönlichkeitsprofile. Die britisch-amerikanische Strategic Communication Laboratories Group (Abkürzung: SCL Group) erwarb die Datensätze für ihre US-amerikanische Tochtergesellschaft Cambridge Analytica. 87 Millionen Datensätze wurden beim Mikrotargeting fruchtbar. Auch die deutschen Volksparteien CDU5 und SPD investierten ins Mikrotargeting für ihren Wahlkampf über Facebook Inc. im Jahr 2017. Weshalb? Mikrotargeting erleichtert Presse-, Öffentlichkeits- und Marketingmaßnahmen durch eine klar und akkurat definierte Zielgruppe. Es erlaubt mit geringem Werbebudget entscheidende Zielgruppen intensiv und häufig anzusprechen. Flächendeckende Werbung richtet sich vergleichsweise an eine unbestimmte Gesamtgruppe. Deshalb hat sie weniger Aussicht auf Erfolg. Das erkannte Google Analytics früh. Laut Brittany Kaiser, unterrichtete Sophie Schmidt [Tochter von Eric Schmidt, CEO von Google Inc.] bei ihrem SCLGroupPraktikum Alexander Nix [CEO des Datenanalyse Unternehmens Cambridge Analytica und Leiter der SCL-GroupAbteilung für Wahlanalyse] von den neuesten Entwicklungen bei Google Analytics und Nix ließ sich auch unterrichten. Nix übertrug das Wissen auf Cambridge Analytica (Abkürzung: CA),6 das für weltweit für 68 Länder7 gearbeitet haben soll. Nach der ehemaligen CADirektorin für Geschäftsentwicklung, Kaiser, sei der Datenskandal „Teil einer viel größeren globalen Operation, die mit Regierungen, Geheimdiensten, kommerziellen Unternehmen und politischen Kampagnen zusammenarbeitet“8. Das erschließt sich mit Kaisers Aussage über die Strategic Communication Laboratories Group (Abkürzung: SCL Group), deren Tochterunternehmen Cambridge Analytica war. Laut ihr expandierte die SCL Group im Jahr 1998 in die Unternehmens- und Geschäftswelt. Nach dem 11. September 2001 habe die SCL Group begonnen, mit dem US-Heimatschutzministerium, der NATO, der CIA, dem FBI und dem Außenministerium im Verteidigungsbereich zu arbeiten. Das Unternehmen habe auch Expert:inn:en ins Pentagon entsandt. Die SCL Group habe Verträge mit UN-Agenturen und mit Gesundheitsministerien weltweit gehabt.9 Das Beispiel von SCLs Tochtergesellschaft Cambridge Analytica belegt, wie verwundbar Demokratien werden könn(t)en. Die komplexen, intransparenten Verflechtungen von Unternehmen und Staat, die kaum merkliche digitale psychologische Aus- und Verwertung persönlicher Informationen sowie die kaum von Berichterstattungen klar abzugrenzende, gezielte und intensive Werbung können beispielsweise Demokratien on- und offline schwächen. Was bedeutet also Borries‘ Frage, ob ich lieber von Apple Inc. oder China regiert werden würde, wenn Apple Inc. ein Staat wäre? Was besagt der Fall Cambridge Analytica im Hinblick auf ‚meine‘ Daten? Lässt sich der Urheberschutz auf den Datenschutz übertragen? Wer sind die ‚Urheber‘ meiner Daten (wie Name, Geburtsdatum, Anschrift)? Wer hat ein Recht auf meine Daten und weshalb?

Ich persönlich habe meine Daten aus vielen Gründen online bereitwillig ausgehändigt, beispielsweise aus Bequemlichkeit, aus Zeit- und Geldmangel. Zwei Professoren der US-amerikanischen Carnegie Mellon Universität haben im Jahr 2008 berechnet, wie lange ich benötigen würde, um von jedem Internetdienstanbieter die Datenschutzerklärung zu lesen. In einem Jahr würde ich 76 Werktage benötigen – in Vollzeit. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung würde sich in Amerika demnach auf Kosten von 781 Milliarden Dollar belaufen.10 Aktuell [2020] würde ich sicher 152 Werktage oder mehr brauchen. Ohne rechtswissenschaftlichen Hintergrund sind die Hürden höher und das Lesen aller Verträge müßiger. Manche Internetdienstanbieter lassen mir keine andere Wahl als ihrem Datenschutzabkommen zuzustimmen. Ich zahle für ihre Informationen mit meinen Daten. Meine Währung sind Daten. Im Unterschied zum Geldtransfer fehlt mir die Information, wie viel ich gerade (von mir) ausgebe. Wie viel habe ich bezahlt? Was kostet mich das auf lange Sicht? Das bleibt für mich oft intransparent. Kann ich meine Daten schützen? Wie? Wie kann die Verletzung meiner Datensicherheit und/oder Persönlichkeitsrechte rechtlich11 unterbunden werden? Was gäbe es für gleichheitsschaffende Re:Finanzierungsmodelle, die weder auf meine Daten gründen noch auf gezielter Werbung oder Paywalls12? Das führt mich zu Borries‘ Werken.

 

1 Der Begriff Dreh lehnt sich hier an den englischen Begriff des Spindoctors in der Politik an.

2 Vgl. Schweizer Radio und Fernsehen (2020): Whistleblower der Cambridge Analytica – Brittany Kaiser im Interview | SRF Sternstunde Philosophie. Erstausstrahlungstermin der Fernsehsendung: 26. Januar 2020. In: Wappler, Nathalie (Leitung): Schweizer Radio und Fernsehen. Zürich, URL: https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/brittany-kaiser-rezepte-gegen-die-drohende-daten-diktatur?urn=urn:srf:video:34870502-da75-4fc2-9705-ee24b1897538, aufgerufen am 4. Mai 2020, (ab circa 22:18 bis circa 22:40 | Minute:Sekunde der Sendung).

3 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Facebook. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 148 f.

4 Vgl. Dachwitz, Ingo/ Rudl, Tomas/Rebiger, Simon (2018): FAQ. Was wir über den Skandal um Facebook und Cambridge Analytica wissen [Update]. (21.03.2018). In: Beckedahl, Markus (Hrsg.): netzpolitik.org. Berlin: netzpolitik.org e. V., URL: https://netzpolitik.org/2018/cambridge-analytica-was-wir-ueber-das-groesste-datenleck-in-der-geschichte-von-facebook-wissen/#vorschaltbanner, aufgerufen am 3. Juni 2018.

5 Nach Brittany Kaisers Angaben hat Cambridge Analytica auch bei der CDU einen Agenturpitch zur Vermarktung des CDUWahlkampfs gehabt (Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Facebook. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 144).

6 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 63 und S. 96.

7 Vgl. Cadwalladr, Carole (2020): Fresh Cambridge Analytica leak ‘shows global manipulation is out of control’. (4. Januar 2020). In: Viner, Katharine (Hrsg.): The Guardian. URL: https://www.theguardian.com/uk-news/2020/jan/04/cambridge-analytica-data-leak-global-election-manipulation, aufgerufen am 17. April 2020.

8 Cadwalladr (2020), URL: https://www.theguardian.com/uk-news/2020/jan/04/cambridge-analytica-data-leak-global-election-manipulation, aufgerufen am 17. April 2020.

9 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Crossing Over. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 26.

10 Zuboff, Shoshana (2019): August 9, 2011: Setting the Stage for Surveillance Capitalism. In: dies. (Hrsg.): The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. London (Großbritannien): Profile Books, S. 50.

11 Die US-amerikanische Senatorin Elizabeth Warren von Massachusetts schlug im Jahr 2019 einen Corporate Accountability Act zum Datenschutz vor. Der sieht vor, dass sich Unternehmen strafrechtlich und zivilrechtlich verantworten zu haben, wenn sie durch Fahrlässigkeit die Datensicherheit verletzen. In das Gesetz spielt mir rein, wie viel Spielraum der Corporate Accountability Act Unternehmen für rechtliche Winkelzüge lässt und ob Medienkonsumenten das Datenschutzabkommen lesen.

12 Bei Paywalls werden Inhalte aus monetären Gründen online gesperrt.

Story oder History, das ist hier die Frage

Borries‘ Kunstwerke regen mich an, zu überlegen, wie Medien emanzipatorisch gebraucht und gedacht werden können. Das begreift für mich auch die Rolle der Vertrauensbildung beim Medienkonsum ein. Wie wird Vertrauensvorschuss geschaffen? Vertrauen wird mitunter über ‚die‘ (Einzahl) Geschichte gebildet. Bei meinem Bundesfreiwilligendienst an der Oper erfuhr ich auch vom „Business Storytelling“ als Kommunikationsstrategie für Presse-, Öffentlichkeits- und Marketingmaßnahmen. Das reizte mich als Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Im Selbststudium befasste ich mich damit. Eine „Geschäftsgeschichte zu erzählen“ folgt – für mich – der Dramaturgie eines Regiebuches des Tanz-, Musik- und/ oder Sprechtheaters oder eines filmischen Drehbuchs. Vereinfacht wird die Ausgangssituation des Unternehmers/der Unternehmerin geschildert und wie er/sie Komplikationen auf seinem/ihrem Weg zum Erfolg begegnen. Die ‚narrative Psychologie‘ soll Empathie schaffen. Über Empathie soll ich mich identifizieren. Identifikation verbindet Menschen im Lebensgefühl und im Nationalgefühl. Das Lebens- und Nationalgefühl wird über erfolgreiches „Business Storytelling“ transportiert. Das Produkt nimmt über das Vehikel der persönlichen Geschäftsgeschichte selbst persönliche Züge an. Mir werden emotionale Werte übertragen, die ich übertrage. Gelingt das Erzählen einer Geschäftsgeschichte, werde ich zum treuen Käufer und Verkäufer. Letzteres, indem ich meine Begeisterung bekunde und multipliziere. Ich werde zum ‚Multiplikator‘ der Erfolgs:Geschichte über das Wachsen an Komplikationen und über sozialen Aufstieg (ohne etwaige Auswüchse). Die US-amerikanische Erfolgsgeschichte von Steve Jobs ‚Garagen‘-Unternehmen Apple Inc. ist ein Beispiel für sehr gutes „Business Storytelling“. In der Ausgangssituation ist ihm Apple Inc. entwachsen. Der Unternehmensgründer wird aus seinem eigenen Unternehmen entlassen. Jobs „Scheitern“ (Komplikation) mit seinem Computerunternehmen Next bereichert ihn um wertvolle Erfahrungen. Er hat aus seinen Fehlern gelernt und wird erfolgreich das Filmproduktionsunternehmen Pixar gründen und schließlich Apple Inc. leiten. Bei Jeff Bezo bildet Personalmangel die Ausgangssituation. An seinem Schreibtisch grübelt der Unternehmensgründer von Amazon.com Inc. über einen Ausweg. Seine Ausgangssituation, der Personalmangel, lässt ihn erfinderisch werden. Alles drei, Mangel, Sparsamkeit und Innovationsgabe, wird durch seinen Schreibtisch symbolisiert – eine alte Tür, gestützt durch zwei Schreibtischböcke. Die Geschäftsgeschichte über Bezos Sparsamkeit, die ihn zur Innovation veranlasst, hat sich als Unternehmensführungsprinzip etabliert. Beide Geschäftsgeschichten ermutigen. Mit Worten, Bildern und Videos werden Geschäftsgeschichten (wie das eigene Glück?) geschmiedet1. Geschäftliche oder historische Re:Inszenierungen von Geschichte sind identitäts- und sinnbildend. Das wirft ein Schlaglicht auf 70 bis 700 Millionen druck- und/oder filmreife Geschichten (bei 1% bis 10% Erfolgs:Geschichten weltweit). Bei 7 Milliarden Menschen werden geschätzt 6 Milliarden 930 Millionen bis 6 Milliarden 300 Millionen Geschichten ausgeblendet, auf die Borries punktuell ein Licht wirft. Mit seinen online frei zugänglichen Essayfilmen leuchtet Borries für mich die Nähe von der „History“ zur „Story“ und umgekehrt aus. Neben Erinnerungsproduktionen möchte ich zivilen Ungehorsam, Datenschutz, emanzipatorischen und barrierefreien Mediengebrauch online thematisieren.

 

1 Das Englische „wordsmith“ für Wortschöpfer, seltener für Wortschmied, erinnert beim erfolgreichen Geschichten erzählen an die Redewendung jeder sei sein „Glückes Schmied“.

Begriffserläuterung: Digital-theatrale-Konstruktionen

Digital

Digitale Kommunikationsinfrastrukturen

Professor Dr. Fiebachs vorgeschlagener Titel Digital-Theatrale-Konstruktionen bildet die Grundlage für mein Vorhaben, das sich mit Christian von Borries urheberrechtsfreien und online zugänglichen Essayfilmen auseinandersetzt. Mich interessiert die ganz alltägliche Bedeutsamkeit Digital-Theatraler-Konstruktionen aktuell [Stand: 2020]. Was begreife ich unter digital? Digitale Kommunikationsinfrastrukturen und digitale Medien (wie zum Beispiel PCs, Smartphones und Tablets) berühren in zahlreichen Ländern nahezu jeden Lebensbereich. Beides bildet die alltägliche Arbeitsgrundlage, Informationsgrundlage, Kontakt- und Kommunikationsgrundlage sowie Handelsgrundlage (für Produktbestellungen und -zulieferungen). Viele Bereiche des all:täglichen Lebens werden digital unterstützt. Dafür brauche ich nicht einmal meinen PC anzuschalten.Wenn ich Kaffee mache, Geld am Automaten abhebe und mit der Bahn zur Arbeit fahre, geschieht das alles über digitale Steuerungssysteme, die miteinander vernetzt sind‘1. Das heißt, lebenswichtige kritische Infrastrukturen werden digital gesteuert. Kritische Infrastrukturen werden digital über die Hardware2  und Software3 gesteuert. Das umfasst Energie-, Wasserversorgung, Informations-, Telekommunikations-, Verkehrsnetze, Industrie-, Kraftanlagen, das Finanz- und Versicherungswesen. Auch im Gesundheitssystem werden digitale Steuerungssysteme benutzt. Flugsicherungen laufen über digitale Steuerungssysteme, genauso wie Öl- und Gasindustrien.4 Bei einem Ausfall oder bei einer Beeinträchtigung der systemrelevanten Basisdienste käme es zu Versorgungsengpässen5. Getragen werden digitale Steuerungssysteme etwa durch SAP® Software. Kritische Infrastrukturen werden durch multinationale und private Technologie-Unternehmen wie IBM® oder einst etwa die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG gestützt. Kommerzielle Technologie-Unternehmen stellen auch selbst zunehmend kritische Infrastrukturen. Google Inc. etwa baut Städte, bietet Bildung an (G-Suite for Education®), einen kostenlosen mehrsprachigen Übersetzungsdienst (Google Translate®), mobile Zahlungssysteme (Google Pay®) und Stadtpläne (Google Maps®). Mit Nest® (Googles® Smart Home Produkten) erhält Google Einzug ins Heimische. Googles Calico® richtet sein Augenmerk auf Biotechnologie. Calico® kümmert sich in den Worten von Larry Page, Mitbegründer von Google®, um Gesundheit, Wohlbefinden und Langlebigkeit“6. Apps und Fitness-Tracker wie Google Fit® erleichtern ‚eine gesunde Lebensführung und soziale Kontrolle im Fitness- und Gesundheitsmonitoring‘7. Google Genomics® speichert Gendaten. So könnenNutzer, Krankenhäuser und Universitäten ihre DNA-Datensätze auf die Server von Google hochladen.“8 Im privaten Promo-Video heißt es, Google Genomics® verbinde Daten- und Lebenswissenschaft.9 Auch die Alibaba Group Holding Limited® mit Sitz in Hangzhou (China)10 stellt Kommunikationsinfrastrukturen. Das Tech-Unternehmen bietet mit Alyun OS® und Alibaba Cloud® Dienste wie Cloud Computing und Datenmanagement an. Das Mitte 2018 auf 500 Milliarden US-Dollar geschätzte Unternehmen betreibt einen Online-Bezahldienst (Alipay®), verschiedene Handelsplattformen (Alibaba.com®, AliExpress®, 1688.com®), ein Online-Auktionshaus (Taobao®), ein Online-Kaufhaus (Tmall®), einen Online-Kartendienst (amap.com®) und vieles mehr.

 

1 Vgl. Gibney, Alex (2016): Zero Days: World War 3.0. Berlin: DCM Film. Der Film beruht auf Kim Zetters Buch Countdown to Zero Day. Stuxnet And the Launch of the World‘s first Digital Weapon.

2 Die Hardware umfasst fassbares wie das Gerät und dessen Zubehör. Zum Zubehör zählen etwa die Maus, die Tastatur und Datenträger wie die Festplatte.

3 Die Programme und Daten einer Software geben Handlungsanweisungen. Die Software sagt gewissermaßen, was zu tun ist und wie.

4 Vgl. Gibney, Alex (2016): Zero Days: World War 3.0. Berlin: DCM Film.

5 Wie mich C. Hautzinger aufmerksam machte, wird am 10. September 2020 berichtet, dass die Uniklinik Düsseldorf etwa wegen eines „IT-Problems“ Operationen absagen musste (URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/uniklinik-in-duesseldorf-ops-wegen-it-problemen-abgesagt_aid-53257485). Die Justus-Liebig-Universität in Gießen muss im Dezember 2019 aus Sicherheitsgründen ihre Server vom Netz nehmen (URL: https://www.n-tv.de/panorama/Uni-Giessen-vermutet-Hacker-hinter-IT-Ausfall-article21447534.html). Beide Institutionen mussten zeitweise ihren Betrieb einstellen.

6 Vgl. Page, Larry (2013): 2013 Founders‘ Letters. URL: https://abc.xyz/investor/founders-letters/2013/, aufgerufen am 31. Juli 2020.

7 Vgl. Reichert, Rámon (2016): Self-Tracking. Praktiken der Selbstvermessung in digitalen Vernetzungskulturen. In: Kreknin, Innokentij/ Marquardt, Chantal (Hrsg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. 61—71. URL: https://www.textpraxis.net/ramon-reichert-self-tracker, aufgerufen am 17. Dezember 2020.

8 Wendt, Johannes (2014): Google Genomics. Google speichert Erbgutdaten in der Cloud. (10. November 2014). In: Joffe, Josef et al. (Hrsg.): Die Zeit | Zeit Online. URL: https://www.zeit.de/digital/internet/2014-11/google-genomics-dna-cloud, aufgerufen am 28. Juli 2020.

9 Vgl. Wendt (2014), URL: https://www.zeit.de/digital/internet/2014-11/google-genomics-dna-cloud, aufgerufen am 28. Juli 2020.

10 C. Hautzinger hat mich mit der Alibaba Group Holding Limited® angeregt, über den Tellerrand zu schauen.

Digitale Medien

Ob Amazon®, Alibaba® oder Apple®, die börsennotierten Unternehmen stellen digital die nötigen Kommunikationsinfrastrukturen. Ihre digitalen Medien verändern die Medienlandschaft. Das Smartphone, das Tablet und der PC werden zur tragbaren Ware, wie das Buch beim Buchdruck. 1) Im Unterschied zum Buch jedoch, speichern neue Medien wie beispielsweise das Smartphone, Tablet und die Internetdienste sensible Kunden- und Produktdaten. Digitale Medien bündeln persönliche und/oder berufliche Kontakte (ähnlich einem Adressbuch), datierte Fotos (ähnlich einem privaten Fotoalbum), persönliches wie Textnachrichten samt Datum (ähnlich einem Tagebuch). Selbst mit Datenverschlüsselung werden die besuchten Webseiten, die IP-Adresse, jegliche Betriebsprogramme, der verwendete Webbrowser, die Zeitzone, die Standortdaten, die Sprach- und Sicherheitseinstellungen des Geräts, Cookies und die verweisende Webseite gesendet, nur bei der Verschlüsselung können wenigstens keine Drittparteien mitlesen. Durch diesen digitalen Fingerabdruck lassen sich teils Rückschlüsse auf die Hardware ziehen. Panopticlick der Electronic Frontier Foundation macht sichtbar wie einzigartig der persönliche digitale Fingerabdruck ausfällt. Mitgelesen wird auch,  welche Webseiten, wann, wie lange und wie oft angeschaut wurden, was wie oft mit der Maus angeklickt wurde, welche Medien:Produkte angeschaut und/oder wann gekauft wurden und vieles mehr. 2)  Bei digitalen Medien werden im Unterschied zum Buch bis dahin getrennte Medien verbunden. Dokumente, Bücher, Filme, Fernsehesendungen, Musik-, Sprachaufnahmen, Radiosendungen und Spiele etc. können als Daten in Echtzeit empfangen oder gesendet werden. Über einen kurzen oder langen Zeitraum sind die Daten abrufbar. Medien lassen sich darüber online konsumieren und produzieren. Text-, Bild-, Tonbeiträge können produziert, gespeichert und mündlich oder schriftlich verbreitet werden. Die Medientechnologien dafür stellen IT‑Unternehmen, die auch Medienlandschaften mit:gestalten und prägen. Die Alibaba Group Holding Limited® betätigt sich zum Beispiel mit Alibaba Pictures Group® als Filmproduzent und/oder -investor etwa bei Star Trek Beyond und Mission: Impossible – Fallout. Google® stellt vergleichsweise digitalisierte Bücher und Zeitschriften bereit (Google Books®), unterstützt die digitale Nachrichten- und Journalismusentwicklung (Google News Initiative® und Google Showcase News®). Musik, Filme und/oder Fernsehen laufen über Google Play® (oder sind bei YouTube® teils einsehbar). Entsprechend schreibt Walter Isaacson in seiner – von Steve Jobs – autorisierten Biografie über dessen digitale Medien von Apple®: „Mit dem iPad und dem dazugehörigen App Store begann er, alle Medien auf den Kopf zu stellen, Verlagswesen, Journalismus, Film und Fernsehen“.1 Ob in China oder Amerika, ob in Russland oder Deutschland, ihre digitalen Kommunikationsinfrastrukturen und ihre digitalen Medien (wie PCs) sindKnotenpunkt all unseres digitalen“2 Tuns. Sie ermöglichen esmit und in Medien zu handeln‘3, worauf Christian von Borries abzielt, wenn er bemerkt: „Wer zum Geschichte machen zugelassen ist und wer nicht, ist keine im Voraus ausgemachte Sache.“4 Digitale Kommunikationsinfrastrukturen und digitale Medien haben die Medienpraxis geändert. Wie vor ihnen der Buchdruck, das Radio, oder der Fernseher haben sie Medienformate, Inhalte, Kommunikation und Geschäftsmodelle aufs Neue geprägt. Will ich mich informieren, googel5 ich etwas. Verwende ich andere Suchmasken, merke ich, wie ich mich an die Such- und Rankingalgorithmen von Google® gewöhnt habe. Eric Schmidt6, damals CEO von Google® und heute [Stand: 2020] Vorsitzender der US‑amerikanischen Nationalen Sicherheitskommission für künstliche Intelligenz, nimmt an, Google® sei deshalb umstritten.7 Er begründet die Kritik mit Googles® Tätigkeit im Informationsgeschäft. Das greift kurz. Multinationale IT-Unternehmen produzieren Abhängigkeiten als „Knotenpunkt all unseres“ digitalen Handelns und Sprechens. Was geschieht, wenn sich die verbindenden Knotenpunkte auflösen, berichtet die Menschenrechtsorganisation AccessNow. Die Berichte zeigen die Abhängigkeit von digitalen Steuerungssystemen8, von digitalen Kommunikationsinfrastrukturen und digitalen Medien. Die Abhängigkeit liefert, je nach Land und Maß, Menschen der Prekarität9 aus, konkret Versorgungsengpässen und eingeschränkten Grundrechten.

 

1 Isaacson, Walter (2011): KAPITEL 37 Das iPad: Aufbruch in das Post-PC-Zeitalter. Aus dem Englischen übersetzt von Antoinette Gittinger, Oliver Grasmück, Dagmar Mallett et al.. In: ders. (Hrsg.): Steve Jobs: Die autorisierte Biografie. München: C. Bertelsmann, S. 589. [Original: Steve Jobs, Abacus, London 2011].

2 Isaacson, Walter (2011): KAPITEL 28 Die Apple Stores: Genius Bar und Siena-Sandstein. Aus dem Englischen übersetzt von Antoinette Gittinger, Oliver Grasmück, Dagmar Mallett et al.. In: ders. (Hrsg.): Steve Jobs. München: C. Bertelsmann, S. 440. [Original: Steve Jobs, Abacus, London 2011].

3 Vgl. Scheidegger, Manuel (2016): Virtuelle Handlungen, reale Konsequenzen. In: Kreknin, Innokentij/ Marquardt, Chantal (Hrsg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. S. 1—20. URL: https://www.textpraxis.net/innokentij-kreknin-chantal-marquardt-einleitung-das-digitalisierte-subjekt, aufgerufen am 17. Dezember 2020.

4 Borries, Christian von / Franz, Nina (2014), URL: masseundmacht.com, aufgerufen im Jahr 2014.

5 Hier halte ich mich an die empfohlene Rechtschreibung des Dudens. Das Wort stand 2004 erstmals in der 23. Auflage des Rechtschreibdudens und beschrieb die allgemeine Suche im Internet, „besonders in Google suchen“. Zur Wahrung des Markenschutzes hatten Anwälte des US-amerikanischen Unternehmens weltweit Redaktionen von Zeitungen und Wörterbüchern aufgefordert, das Verb eng zu fassen. Um einen Rechtsstreit zu vermeiden, lautete die Definition des Begriffs ab der 24. Auflage „Mit Google® im Internet suchen“ (Vgl. Kühl, Eike (2017): Angst vor dem eigenen Namen. (28. August 2017). In: Allmendinger, Jutta et al. (Hrsg.): DIE ZEIT | ZEIT ONLINE. Hamburg: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, URL: https://www.zeit.de/digital/internet/2017-08/google-name-marke-generizid-rechtsstreit/, aufgerufen am 20. Dezember 2020).

6 Eric Schmidt, damals CEO von Google®, später CEO vom Mutterkonzern Alphabet®, ist Mitglied der Nutzerberatungsgruppe des National Space Council der NASA, Vorsitzender des Innovationsausschusses vom US-amerikanischen Verteidigungsministeriums und derzeit Vorsitzender der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitskommission für künstliche Intelligenz. 

7 Vgl. Grant, Kinsey: Business Casual. Why Ex-Google CEO Eric Schmidt is working for the government. (29. September 2020). URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 10:51 | Minuten:Sekunden).

8 Digitale Steuerungssysteme sind für kritische Infrastrukturen verantwortlich.

9 Judith Butler beschreibt Prekarität als gelebten schleichenden Tod (Butler, Judith (2016): Körperallianzen und die Politik der Straße. In: dies. (Hrsg.): Anmerkungen zur einer performativen Theorie der Versammlung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Born. Berlin: Suhrkamp, S. 94. [Original: Notes toward a performative theory of assembly, 2015 Harvard University Press]. Sie begründet den gelebten schleichenden Tod mit dem Versagen sozialer und ökonomischer Unterstützungsnetze. Das führe zu einem erhöhten Krankheits- und Armutsrisiko sowie der Gefahr schutzlos Gewalt ausgeliefert zu sein (Butler, Judith (2016), S. 48 f.).

1) Abhängigkeiten von digitalen Kommunikationsinfrastrukturen und digitalen Medien

Bei stunden-, tage-, wochen- oder monatelangen Internetsperren wird die grundlegende Versorgung, je nach Region, erschwert. Beispielsweise ist die medizinische Vor- und Versorgung, die Versorgung mit Wasser und/oder Lebensmitteln, abhängig von der Dauer der digitalen Sperre, fast nicht möglich. Wie die Menschenrechtsorganisation AccessNow belegt, berühren digitale Steuerungssysteme Rechte, wie den Schutz von Gesundheitsrechten, das Recht der körperlichen Unversehrtheit, das Recht auf angemessene Ernährung oder das Recht auf Zugang zu Trinkwasser. Auch die Arbeit freier, unabhängiger Medien wird rechtlich durch nicht:staatliche Internetsperren verletzt. Zur Recherche und zur Veröffentlichung ihrer Berichterstattung sind Aktivist:innen und sie auf freien Zugang in und über das Internet angewiesen. Bei gezielter Drosselung können vielleicht noch Texte, aber keine Bilder oder Videos zur Dokumentation des Geschehens gesendet werden. Internetsperren verwehren so Grundrechte gewährter Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit in vollem Umfang wahrzunehmen. Das ist problematisch im Recht auf Bildung. Denn jede:rbildet sich und wird durch Medien gebildet‘1. Auch Internetdienstanbieter:innen wird eine Reihe von Grundrechten vorenthalten, wie ihre Kommunikationsgrundrechte, Medienfreiheit, Berufsfreiheit und unternehmerische Freiheit. Neben selten sichtbaren rechtlichen Hindernissen, werden unsichtbare geografische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Barrieren gebildet. Das fühlt sich für Betroffene anwie eine Einschränkung der Fähigkeit, als Bürger:innen handeln zu können. Entsprechend fragt die Soziologin Eve Ewing wieviel Macht Bürger:innen in einem System haben können, das ständig aus ihren Händen zu gleiten scheint2? Für mich stellen sich eine Vielzahl von Fragen. Ändern beispielsweise technologische Möglichkeiten wie Internetsperren oder Filter die Rechtsauffassung gewährter Grund- und Menschenrechte? Wie können Menschen barrierefreie, diskriminierungsfreie, vertrauensbildende digitale Kommunikationsinfrastrukturen und Medien gestalten, die Ungleichheiten beziehungsweise Prekarität aufheben? Könnten lizenzfreie, nutzungsfreie, quelloffene und nachhaltige Softwareprogramme3 helfen, die im Gegensatz zur entgeltlichen Software (also proprietären Software) einen barrierefreien Zugang erlauben (im Erweitern, Reparieren, Umgestalten und Sicherheitslücken schließen)? Wie könnten diese re:finanziert werden? Wie kann eine Ausweitung rechtlich gewährter Ausschließlichkeit (von Lizenzen etwa) abgefedert werden, um Grundrechtskonflikte zu verringern? Wie kann eine einseitig und kommerziell orientierte Rechtspolitik verhindert werden? Wie kann der Vorrang kommerzieller Interessen gegenüber dem öffentlichen Interesse begrenzt werden? Ich argumentiere dafür, digitale Rechte für die Öffentlichkeit zu stärken. Warum?

Digital (wie analog) erschaffene Barrieren verstärken berufliche (und persönliche) Unsicherheit, Prekarität/Ungleichheit, Ungewissheit und Verlust4. Durch digitale Barrieren werden selten sichtbare gesellschaftliche, rechtliche und wirtschaftliche Grenzen zwischen Menschen gezogen5. Digitale Kommunikationsinfrastrukturen und digitale Medien (das Smartphone oder das Tablet) a) dienen über Ländergrenzen hinweg als Arbeitsgrundlage, als Informationsgrundlage, als Kontakt- und Kommunikationsgrundlage und als Handelsgrundlage zur Vorsorge/Versorgung. b) Sie durchdringen jeden Lebensbereich. Etliche Nationen werden durch digital gesteuerte kritische Infrastrukturen versorgt, selbst ohne den heimischen PC anzuschalten. Das geschieht durch digitale Steuerungssysteme, die mich beispielsweise mit elektrischem Strom versorgen. Digitale Technologien werden auch in der Biotechnologie angewendet und dringend für Medizin benötigt. Digital gestützte Biotechnologien bauen giftigen Müll ab (wie Schwermetalle, ausgelaufenes Öl, radioaktive Abfälle), bereiten Trinkwasser auf oder reinigen etwa Abwasser. Das Digitale zieht sich also fast durch alles und hat das Alltagsleben nachhaltig verändert. Die meisten Prozesse sind ohne Kommunikations- und Informationstechnologien kaum denkbar, weil schlicht das Wissen verloren gegangen ist.

 

1 Vgl. Kreknin, Innokentij/ Marquardt, Chantal (2016): Einleitung: Subjekthaftigkeit, Digitalität, Fiktion und Alltagswirklichkeit. In: Kreknin, Innokentij/ Marquardt, Chantal (Hrsg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. S. 1—20. URL: https://www.textpraxis.net/innokentij-kreknin-chantal-marquardt-einleitung-das-digitalisierte-subjekt, aufgerufen am 17. Dezember 2020.

2 Vgl. Ewing, Eve (2018): Chapter 1. What a School Means. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 37.

3 Siehe beispielsweise: Genzmer, Jenny/ Kogel, Dennis (2020): US Agendy for Global Media. Angriff aufs offene Internet. Jenny Genzmer im Gespräch mit Dennis Kogel. (18. Juli 2020). In: Deutschlandfunk Kultur, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/us-agency-for-global-media-angriff-aufs-offene-internet.1264.de.html?dram:article_id=480765, aufgerufen am 18. Juli 2020.

4 Vgl. Ewing, Eve (2018): Chapter 2. City of Losses. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 92.

5 Vgl. Ewing, Eve (2018): Chapter 1. What a School Means. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 21.

2) Sicherheitspolitische Abhängigkeiten

Die Abhängigkeit von digital gesteuerten kritischen Infrastrukturen belegt zum einen wie eng der physische Raum mit dem digitalen Datenraum verzahnt ist, zum anderen die sicherheitspolitische Abhängigkeit. Im Interview darüber, wie der Neoliberalismus die Demokratie bedrohe, äußert die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zur Sicherheitspolitik, dass die meisten anerkennen würden, dass der Staat für die Verteidigung, grundlegende Sicherheit und Rechtssicherung zuständig sei. Viele Liberale hätten argumentiert, dass es in diesen Bereichen Raum für Märkte gäbe. Der Staat solle für die Verteidigung, grundlegende Sicherheit und Rechtssicherheit Märkte produzieren, aber immer noch die Verantwortung haben.1 Verschiedene Staaten haben Raum für Märkte geschaffen. Microsoft® stellt zum Beispiel für 10 Milliarden Dollar Cloud Technologien für das gesamte US-amerikanische Ministerium, die weltweit verfügbar und reaktionsschnell sind. Die JEDI Cloud (Abkürzung für: Joint Enterprise Defense Infrastructure; dt.: Gemeinsame Verteidigungsinfrastruktur) des IT-Unternehmens dient der „digitalen Modernisierung des [US‑ amerikanischen] Pentagons“2. Auch für die EU Sicherheitspolitik arbeiten der öffentliche und der kommerzielle Sektor zusammen. Genannt werden von Statewatch etwa Airbus SE®, früher EADS®, das deutsche Fraunhofer Institut, das französische Unternehmen Thales® oder Selex®. Nach einem Bericht der gemeinnützigen Organisation, sind diese Konzerne und großen nationalen Forschungsinstitute sicherheitspolitisch federführend. Die Recherchen von Statewatch legen naheim Namen der öffentlichen Sicherheit eine Überwachungsgesellschaft einzuführen“3 (was auch Bücher wie Edward Snowdens „Permanent Record“, oder Julian Assanges „Cypherpunks“ nahe legen). Ihre Sorge ist, dassaußergewöhnliche und vorübergehende Befugnisse [dauerhaft] in das allgemeine Strafrecht eingebettet werden“. Eric Schmidt kommentiert im Hinblick auf die Verteidigung, Sicherheit und Rechtssicherung: ‚Wer Verbesserungen [wie Cloud Computing oder die Bereitstellung von Diensten privater Unternehmen für die Regierung] ablehne, sei gegen die Verwaltung der Gesetze in einer Demokratie‘ (O-Ton siehe Fußnote4). Die Tätigkeit des ehemaligen CEOs von Google®, Microsofts® JEDI oder Stellarwind6, lässt die enge Bindung zwischen multinationalen IT‑Unternehmen und Regierungen ahnen. Die sicherheitspolitischen und handelspolitischen Abhängigkeiten, die beide aneinander bindet, beschreibt Schmidt als einander „kritisieren und brauchen“7.

 

1 Brown, Wendy (2016): How Neoliberalism Threatens Democracy. (25. Mai 2016). In: Institute for New Economic Thinking. URL: https://www.ineteconomics.org/perspectives/videos/wendy-brown-how-neoliberalism-threatens-democracy, aufgerufen am 7. September 2020.

2 URL: https://www.cloud.mil/JEDI-cloud/

3 Jones, Chris: A chance to change EU security research policy for the better. (4. September 2017). In: Goldman, Michael et al.: Statewatch. Amsterdam: URL: https://www.tni.org/en/article/a-chance-to-change-eu-security-research-policy-for-the-better, aufgerufen am 18. Dezember 2020.

4 Vgl. Grant, Kinsey: Business Casual. Why Ex-Google CEO Eric Schmidt is working for the government. (29. September 2020). URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 14:00 | Minuten:Sekunden). O-Ton: “You would oppose these improvements, if you oppose the administration of the laws in a democracy.

5 Vgl. Mbembe, Achille (2003): Necropolitics. In: Appadurai, Arjun/ Breckenridge, Carol A. (Hrsg.): Public Culture. Nummer 15, Ausgabe 1 vom 1. Januar 2003. Übersetzt von Libby Meintjes ins Englische. New York: Duke University Press, S. 13.

6 Bei Stellarwind arbeitet:e der US-amerikanische Geheimdienst zur Vorratsdatenspeicherung und Überwachung der weltweiten Internetkommunikation mit den neun größten IT-Unternehmen zusammen.

7 Vgl. Grant (2020), URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 2:41 | Minuten:Sekunden).

3) Handelspolitische Abhängigkeiten

Um handelspolitische Abhängigkeiten zu thematisieren, bleibe ich beim Interview mit Schmidt. Verkürzt und sinngemäß äußert Schmidt zu handelspolitischen Abhängigkeiten: ‚Jeder will darüber reden, was als fair empfunden wird. Wer Amazons® hochwertigen Service zerschlagen will, oder wer sich über Apple® wegen der Integration seines App-Stores in das iPhone® aufregt, sollte sich daran erinnern, dass wir in einem globalen Wettbewerb mit China stehen und in China gelten andere Regeln. Im Hinblick auf die chinesische Konkurrenz wäre ich vorsichtig die Größe dieser Unternehmen zu verringern‘.1 Schmidt argumentiert mit chinesischen und amerikanischen Handelsbeziehungen. Die Weltwirtschaftsordnung und territoriale Ordnung (letzteres meint die gesellschaftliche und räumliche Ordnung) wird von ihm vorsichtig in einen Wettbewerb übersetzt, weniger vorsichtig ausgedrückt in einen Handelskonflikt. Zum einen wegen unterschiedlicher politischer Systeme, zum anderen wegen unterschiedlicher Wirtschaftsmodelle (zu letzterem siehe Fußnote2). Das US-amerikanische Handelsdefizit gegenüber China gerät zu einem Wettbewerb, der wirtschaftlich und technologisch, statt militärisch ausgetragen wird. Geschichtliche, politische und wirtschaftliche Erzählstränge über einen weltweiten Wettbewerb oder auch Handelskrieg mit China verdichten sich bei Schmidt zu einem Erzählstrang über Kräfteverhältnisse. Er appelliert zugunsten des inter:nationalen Wohlstands an einen Strang zu ziehen, um das amerikanische Handelsdefizit auszugleichen. Das Handelsdefizit wird von Schmidt als seidener Faden inszeniert, von dem der Wohlstand Amerikas abhänge, konkret jedes US-amerikanischen Bürgers. Er erinnert daran, dass die Rente von den fünf wertvollsten Technologie-Unternehmen (GAFAM für Google Inc., Amazon.com, Facebook.Inc, Apple Inc. und Microsoft Corporation) in den USA abhänge. Selbst ohne direkte Verbindung, würde vom Erfolg der amerikanischen IT-Unternehmen profitiert werden3. Bei der aufgebauten Drohkulisse über einen Wettbewerb zwischen Amerika und China geraten Sorgen in den Vordergrund. Denn Lieferketten, Finanzierungsnetzwerke und landeseigene Unternehmen, die international aufgestellt sind, vergegenwärtigen die weltweit engen handelspolitischen Verflechtungen. Was geschieht, wenn der Handelskonflikt zwischen den zwei großen Volkswirtschaften das landeseigene Wirtschaftswachstum hemmt? Wie würde sich ein Wirtschaftseinbruch auf die eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen auswirken? Könnten Niedriglöhne das Ergebnis sein? Könnte der Arbeitsplatz innenpolitisch und/oder außenpolitisch langfristig vernichtet werden? Das kann begründete Existenzängste auslösen und soziale Konflikte schüren, die Ungleichheiten verschärfen. Die ‚Existenz des Anderen wird gegebenenfalls als Angriff auf das eigene Leben empfunden‘4. Die Ängste können der territorialen Ordnung und vor allem der Weltwirtschaftsordnung Vorschub leisten. Das produziert un:sichtbare Grenzen.

 

1 Vgl. Grant, Kinsey: Business Casual. Why Ex-Google CEO Eric Schmidt is working for the government. (29. September 2020). URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020, (circa ab 42:08 bis circa 42:47 | Minuten:Sekunden). Das Zitat habe ich verkürzt und sinngemäß übersetzt.

2 Über das Wirtschaftsmodell von China sind sich Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler:innen uneins. Sehr vereinfacht dargestellt, weicht das chinesische von westlichen Wirtschaftsmodellen einerseits ab. Andererseits entfalten sich durch die Reform- und Öffnungspolitik Chinas punktuell kapitalistische und marktwirtschaftliche Merkmale.

Wie sich die Handelsbeziehung zwischen der amerikanischen und chinesischen Volkswirtschaft unter anderem für Europa auswirkt, erläutern ausführlich: Barbara Lippert, Volker Perthes (Hrsg.): Strategische Rivalität zwischen USA und China. Worum es geht, was es für Europa (und andere) bedeutet. SWP-Studie 2020/S 01, Februar 2020, 57 Seiten. URL: https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020S01/, aufgerufen am 22. Dezember 2020.

3 Vgl. Grant (2020), URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 42:47 bis circa 43:23 | Minuten:Sekunden).

4 Vgl. Mbembe, Achille (2003): Necropolitics. In: Appadurai, Arjun/ Breckenridge, Carol A. (Hrsg.): Public Culture. Nummer 15, Ausgabe 1 vom 1. Januar 2003. Übersetzt von Libby Meintjes ins Englische. New York: Duke University Press, S. 18.

4) Un:sichtbare Grenzbildungen

Eher sichtbare Grenzen thematisiert Christian von Borries in IPHONECHINA 1)  mit ‚öffentlichen Räumen, die von privaten IT-Unternehmen wie Apple® gemietet und kontrolliert werden‘1. In diesem Prozess drängen (hier zum Beispiel US-amerikanische) Investoren wenig zahlungskräftige Anwohner aus dem Stadtbild und zwar in arme, wenig attraktive und häufig infrastrukturell entlegene Viertel. Das wird soziologisch als Gentrifizierung bezeichnet. Gentrifizierung ermöglicht durch die Privatisierung, in Armut lebende Personen und in Elend lebende Personen (wie Obdachlose) aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Die Personengruppen werden lediglich durch Verbotsschilder sichtbar, worauf Christian von Borries in seinem urheberrechtsfreien Film aufmerksam macht. Auf Apples® gemieteten Raum sind Händler [engl.: vendors] und Bettler verboten. Die un:sichtbare Grenzbildung wird ebenso spürbar, wenn sich 2) im China gedrehten Essayfilm nach Foxconn erkundigt wird, in dessen Fabrik in Shenzhen (China) das iPhone® gefertigt wird. Die Spracherkennung des iPhones® beantwortet – die in Englisch gestellte Frage – mit „Entschuldigung, ich kann nur nach Unternehmen in den Vereinigten Staaten suchen und wenn Sie US-Englisch sprechen“.2 Die Bildung von Barrieren spricht Borries 3)  mit Gilles Deleuze an3. Der bezieht sich auf das Werk seines Kollegen. Sein Kollege, der Philosoph Michel Foucault, definiert in Überwachen und Strafen“ die Disziplinargesellschaft durch Einschließungen, konkret Gefängnisse, Schulen, Fabriken4 und Krankenhäuser. Foucaults Überlegungen zur Disziplinargesellschaft ergänzt Deleuze um die Kontrollgesellschaft, die einer Einfriedung nicht mehr bedarf. Der Politikwissenschaftler Achille Mbembe, der Foucaults Theorie:n zur Biomacht aufgreift, bemerkt das innerhalb und außerhalb der un:sichtbaren Grenzendie Ausübung von unterschiedlichen Rechten für unterschiedliche Kategorien von Menschen zu unterschiedlichen Zwecken begünstigt wird5.Das Leben wird‘ unter Umständen zugunsten des Wettbewerbs beziehungsweise Handelskriegs ‚als Einsatz und Ausdruck von Macht definiert‘6. Als Ergebnis trägt das zur ungleichen Bewertung des Lebens bei. Personen werden dabei beispielsweise auf ihren rein wirtschaftlichen Wert reduziert. Was (etwa welche Arbeit) und wer (welche:r Arbeiter:in) zählt? Was und wer ist entbehrlich?7 Was ist angemessen, um handelspolitisch und sicherheitspolitisch wettbewerbsfähig zu sein? Um letzteres abzuklären, so Schmidt, würden Geschäftsführungen von großen IT-Unternehmen den ganzen Tag mit Regierungen sprechen, um handelspolitisch einen Teil des Abwärtsrisikos in den Griff zu bekommen“. Denn es gäbe viele Gesetze, die für Unternehmen wie Google® gelten würden. Diese Gesetze seien gut argumentiert und seit langem etabliert. Angewendet könnten sich die Gesetze in ihrer Umsetzung unterscheiden – mit erheblichen Konsequenzen. Er habe zuerst in den USA und dann in Europa festgestellt, dass vieles davon Bildung sei [engl. O-Ton: „a lot of it is education“]. Googles® Such- und Werbesysteme seien zum Beispiel sehr kompliziert. Deshalb begännen alle Gespräche mit Informationen [engl. O-Ton: so all conversations start with an education“]. Alle Tech-Unternehmen sollten mit der Regierung sprechen, „nicht um sie zu beeinflussen [engl. O-Ton: lobbying] oder zu ändern [engl. O-Ton: change], sondern einfach um sie [die Regierung] zu unterrichten [engl. O-Ton: educate].8 Je nach Übersetzung des englischen Begriffs „educate“ informiert, bildet oder erzieht er. Er unterrichtet über die Gesetzgebung – aus unternehmerischer Sicht. Die täglichen Gespräche belegen die Bindung von der Politik an die Wirtschaft und andersherum. Das hat einen Wechsel von der Politik zur Wirtschaft, oder umgekehrt, gangbar gemacht. Weshalb zuweilen die Frage aufkommt, ob ein Wechsel vom Unternehmer- zum Politikertum im Interessenkonflikt zulässig sein sollte. Bewertet ein:e langjährige:r Unternehmer:inn, der/die in der Politik tätig ist, politisches unternehmerisch? Sind Entscheidungen langjähriger Politiker:innen, die in der Wirtschaft arbeiten, politisch gefärbt? Wie stark sind solche beruflichen Rollenverhaftungen? Begrifflich  zumindest eint Handelspolitik, was sich im Wettbewerb alltäglich eint, nämlich Wirtschaft und Politik. Den Handelskonflikt mit China vertieft Schmidt mit unterschiedlichen Werteauffassungen. Er fragt, was wäre wenn, Facebook®, YouTube®, das Internet und die Betriebssysteme auf Apple®- und Android®-Plattformen in China erfunden worden wären? Er fordert auf, darüber nachzudenken, was das in Bezug auf die Funktionsweise des Systems, den Datenschutz, die Regulierung und die Sicherheit bedeuten würde und schließt: „Plattformen spiegeln die Werte Ihres Unternehmens und Ihrer Firma sowie die Werte Ihrer Nation und Ihrer Mitarbeiter wider.9 Übersetzt er die handelspolitische Abhängigkeit in sicherheitspolitische Werte? Sicherheits- und handelspolitische Werte werden beruhend auf Erfahrungen des Kolonialismus, des Stalinismus, des Nationalsozialismus, dessen Verwaltung und Industrialisierung des Todes unterschiedlich übersetzt. China wird je nach Erfahrung als Überwachungsstaat übersetzt. Amerika wird je nach Erfahrung als Überwachungskapitalismus übersetzt. Dem Überwachungskapitalismus geht Shoshana Zuboff im Buch „The Age of Surveillance Capitalism“ auf den Grund. Evgeny Morozov befasst sich in seinen verschiedenen Werken mit Überwachungstechnologien und hinterfragt, ob das Internet per se demokratisch sei. Aus der jeweiligen Erfahrung heraus könnte sich also gefragt werden: Was wäre eine sinnvolle Balance zwischen innovativen Sicherheitstechnologien auf der einen Seite und der Erforschung von Grundursachen für Sicherheitstechnologien auf der anderen Seite? Wo sind Lösungen abseits von Sicherheitstechnologien (etwa zur Überwachung) zu suchen und zu finden? Was sind Lösungen um Grund-/Menschenrechte beizubehalten (wie den Datenschutz und die Unschuldsvermutung)? Was könnte ein Anreiz für staatliche und wirtschaftliche Datensparsamkeit sein? Wo sind Lösungen zu suchen? In neuen Re:Finanzierungs- und neuen Unternehmensmodellen, abseits von Steuervergünstigungen oder Steuerschlupflöchern10? Wären neue Bildungsmodelle eine mögliche Lösung? Wie könnten die Abhängigkeiten verringert werden, ohne kommunikations- und informationstechnologische Abstriche? Könnte elektronischer ziviler Widerstand [Hacktivism] helfen, wie ihn einst das Critical Art Ensemble oder das Electronic Disturbance Theater vorschlug?

 

1 Vgl. Borries, Christian von: IPHONECHINA. (3. Februar 2014). In: ders. (Hrsg): masseundmacht. URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020, (ab circa 42:04 | Minuten:Sekunden).

2 Borries (2014), URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020, (ab circa 35:31 | Minuten:Sekunden).

3 Vgl. Borries (2014), URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020, (ab circa 23:26 bis 24:25 | Minuten:Sekunden).

4 Simone Weils „Fabriktagebuch“ erhellt das eindrücklich.

5 Vgl. Mbembe, Achille (2003): Necropolitics. In: Appadurai, Arjun/ Breckenridge, Carol A. (Hrsg.): Public Culture. Nummer 15, Ausgabe 1 vom 1. Januar 2003. Übersetzt von Libby Meintjes ins Englische. New York: Duke University Press, S. 25 f.

6 Vgl. Mbembe (2003), S. 12.

7 Vgl. Mbembe (2003), S. 27. Nach Judith Butler wird die Wirtschaft als Organismus aufgefasst, dessen Leben und Wachstum um jeden Preis unterstützt werden müsse. Die Organismusmetapher übertrage die Gesundung der Wirtschaft auf die menschliche. Die Gesundung der Wirtschaft gründe, umgekehrt, auf der möglichen Erkrankung des Menschen. Die Wirtschaft als organisch inszeniertes Leben sei für bestimmte gesellschaftlich Gruppen lebensnehmend, wie Minderheiten, Arme und jene, die bereits gesundheitlich beeinträchtigt wären (Vgl. Butler Judith (2020). Judith Butler: on Covid-19, the politics of non-violence, necropolitics and social inequality. (23. Juli 2020). In: Verso Books. Judith Butler wird von Amia Srinivasan interviewt. URL: https://www.youtube.com/watch?v=6Bnj7H7M_Ek, aufgerufen am 19. Dezember 2020. Der Begriff des Wirtschaftswachstums und der Wirtschaftskrise weist auch in diese Richtung. Krise entlehnt sich dem griechischen Krisis. Der einst medizinische Ausdruck umriss die Schwelle zur Gesundung oder Erkrankung eines Menschen. Das Wirtschaftswachstum wird gesellschaftlich als Gesundung gedeutet.  

8 Vgl. Grant, Kinsey: Business Casual. Why Ex-Google CEO Eric Schmidt is working for the government. (29. September 2020).URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 10:51 für Minuten:Sekunden).

9 Grant (2020), URL: https://www.youtube.com/watch?v=M8Pv0q1st08, aufgerufen am 16. Dezember 2020 (circa ab 45:23 für Minuten:Sekunden).

10 Manche multinationale IT- Unternehmen wissen um gesetzliche Lücken zur Gewinnverlagerung in Niedrigsteuerländer und haben ihre Unternehmenssteuersätze auf ein Minimum reduziert.

Theatrale Konstruktionen

Bevor der Scheinwerfer sich „auf die im Zuschauerraum versammelte Menge“1 richtet, möchte ich die alltägliche Bedeutsamkeit theatraler Konstruktionen ausleuchten und zum vagabundierenden Denken einladen. Das möchte ich, um Schritt für Schritt zur alltäglichen, anonymen und unsichtbaren Kunstfertigkeit elektronischen zivilen Ungehorsams zu gelangen.

Theatrale Konstruktionen mache ich am Beispiel von Steve Jobs Macintosh-Produktankündigung auf. Meine kurze Begriffserläuterung bildet die Grundlage für das Beispiel. Was bedeutet theatral? Theatral sind inszenierte Werte. Ihnen wird ein verschieden hoher und niedriger Stellenwert zugeordnet, um alltäglich entscheiden und handeln zu können. Die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit auf Grundlage von Werten verleiht ein Gefühl von Normalität, Ordnung und Beständigkeit – also von Alltag. Das jeweilige verbindende und verbindliche Werteumfeld begreift in unterschiedlichem Ausmaß Ausgrenzung ein. Die Schriftstellerin Toni Morrison beschreibt in ihrem Buch „Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur“, wie der eigene Begriff von Normalität durch Ablehnung geschützt wird und zur Sicherung von Normalität der | das „Andere“ und „Fremde“ geschaffen wird. Chantal Mouffe spricht von einem Wir“ in Abgrenzung von einem Ihr“ oder „Sie“2. Zugleich vergegenwärtigt die Begegnung mit dem „Anderen“ oder dem „Sie“ die Verantwortlichkeit gegenüber der Person oder den Personengruppen. Der | das „Andere“ erinnert an die eigene Verletzlichkeit3. Entsprechend helfen Werteorientierungen und Wertmaßstäbe, miteinander in Beziehung zu treten und sich voneinander abzugrenzen. Die jeweiligen Werte können in Wertschöpfung umgewandelt werden. Bei der Wertschöpfung werden Gefühle und Beziehungen, die auf verbindenden und verbindlichen Werten beruhen, zum Gegenstand wirtschaftlicher Interessen. Konstruktionen4 sind Gegenstände, die durch ihre Verwendung und ihren inszenierten Wert, wortwörtlich und im übertragenen Sinn zum Gegenstand werden. Das prägt häufig das Denken und Wahrnehmen darüber. Im Denken und Wahrnehmen können theatrale Konstruktionen wie eine Theaterbühne bespielt werden. Wie sie ineinandergreifen, möchte ich am Beispiel digitaler Technologiegeschichte veranschaulichen. Ich wähle Steve Jobs Macintosh Produktankündigung vom 30. Januar 1984, bei der er, unter anderem, biologische, geschichtliche, wirtschaftliche und freiheitliche Werte in Anschlag bringt und zum Gegenstand macht.

 

1 Certeau, Michel de (1988): Widmung. In: ders. (Hrsg.): Kunst des Handelns. Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Voullié. Berlin: Merve Verlag, S. 9 [Original: L‘invention du quotidien. 1 Arts de faire. Paris: Union Générale d‘Editions].

2 Ich lehne mich an die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe an, die beispielsweise in ihrem Buch „Für einen linken Populismus“ die Schaffung des „Wir“ und „Sie“ behandelt.

3 Hier beziehe ich mich auf Emmanuel Lévinas Werk „Die Spur des Anderen: Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie“.

4 Ich möchte, wie von Michel de Certeau vorgeschlagen, „die wissenschaftlichen Praktiken und Sprachen auf […] das alltägliche Leben zurückführen“ (Certeau (1988), S. 41 f.). Würde ich mich an wissenschaftliche Vorgaben halten, würde ich beispielsweise argumentieren: „Der Begriff Kultur nimmt etymologisch Ausgang im lateinischen Verb ,colere. Hauptbedeutungen von ,colere‘ sind wohnen, sich aufhalten und pflegen, bebauen. Im Wohnen und Bebauen korrespondiert ,colere‘ mit dem lateinischen ,constructio‘, ,confür ,zusammen mit‘ und ,structio‘ für Bauen. ,Constructio‘ weist auf ein gemeinschaftliches Werk im Bauen hin. Für das Bauen bedarf es des Werkzeugs.” Dann würde ich mich auf Hannah Arendts Bedingtheit und Henri Bergsons künstlichen Gegenstand des Werkzeugs beziehen etc.. Den Begriff Theatral würde ich mit post:strukturalistischen Theorien stützen und weg wäre ich vom Alltag.

macintosh | sho[o]tin cam

Bei seiner Produktvorführung oder vielmehr Produktaufführung steht Steve Jobs an einem Rednerpult. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine mittel- bis dunkelbraune Seidenkrawatte mit kleinen schwarzen Rauten. Ein weißer Lichtpegel fällt auf ihn. Fotoblitze durchzucken gelegentlich die abgedunkelte Bühne. Er begrüßt das Fachpublikum mit „Guten Abend, ich bin Steve Jobs von Apple Computer und wir sind froh heute Abend hier zu sein“. Zu Beginn seiner MacintoshProduktankündigung inszeniert er den Apple®-PC als freiheitliche Technologie [also als freiheitliche theatrale Konstruktion]. Dafür stellt er IBM®, dessen Spitzname „Big Blue“ lautet, als Gegensatz dar. „Big Blue“ wird zu Orwells alles überwachenden „Big Brother“ (dt.: großen Bruder). Bei seiner Publikumsansprache setzt er, das „in die Jahre gekommene“, „angestaubte“, neuerungsfeindliche, marktbeherrschende und erfolgreiche Ostküstenunternehmen IBM® vom „jungen, flüggen“ und neuerungsoffenen Westküstenunternehmen Apple® ab. Er spielt theatrale Konstruktionen von Ost – West, neuerungsfeindlichneuerungsfreundlich, alles überwachender Technologie – freiheitlicher Technologie und Big Business – Startup gegeneinander aus, um beide Unternehmen voneinander abzugrenzen. In schnellem Sprechtempo und heller Tonlage schildert er IBMs® Unternehmensgeschichte. Mit vergleichsweise dunkler und getragener Stimme spricht er die jeweiligen Jahreszahlen. Er beginnt mit 1958. Aus der Sicht des Neueinsteigers Apple®, erzählt er die Misserfolgs:Geschichte und Erfolgs:Geschichte (engl.: story) von IBM®. Die fußt auf dokumentarischen Spuren (engl.: history). Bei seinem Storytelling wirft er ein satirisches Schlaglicht auf beides. Seine Verhöhnung transportiert er auch stimmlich. Er zählt in zeitlicher Reihenfolge IBMs® Verfehlungen auf, darunter die Marktfähigkeit des PCs zu erkennen, Fehleinschätzungen, die Kathrin Passig für durchaus üblich gegenüber kommunikationstechnologischen Neuerungen hält1. Das Publikum antwortet auf seine verspottende Geschichtserzählung mit Gelächter. Er gelangt zur Jahreszahl 1984. Mit tiefer und düsterer Stimme nennt er die Jahreszahl des gleichnamigen Romans von George Orwell und sagt keck: „Es ist jetzt 1984. Es scheint, als wolle IBM alles haben.“ Händler würden fürchten, dass IBM® die Zukunft beherrsche und kontrolliere. Deshalb würden sie sich Apple® zuwenden. Apple® sichere ihnen zukünftig ihre Freiheit. [Das Publikum lacht, jubelt, klatscht und pfeift begeistert]. Nur Apple® sei in der Lage mit IBM® in den Wettbewerb zu treten. Jobs wiederholt, IBM® wolle alles. Apple® stelle das letzte Hindernis dar, um IBM® davon abzuhalten, die gesamte Industrie zu kontrollieren (IBMs® Erfolgs:Geschichte). Kurze Pause. Das Publikum lacht und applaudiert. Jobs fragt „mit dramatischen Gespür“2: Wird »Big Blue« [Spitzname für IBM®] die gesamte Computerindustrie beherrschen, das gesamte Informationszeitalter? Hatte George Orwell recht?“ Einige im Publikum antworten mit „Awww“ und andere klatschen. Der auf Steve Jobs gerichtete Lichtpegel und der schwach beleuchtete Publikumssaal werden abgedunkelt. Im Publikum kehrt für ein bis zwei Sekunden Stille ein. Die »1984«-Werbung des britischen Filmregisseurs und -produzenten Ridley Scott wird auf die Kinoleinwand projiziert.

 

1 Vgl. Passig, Kathrin (2014): Neue Technologien, alte Reflexe. (22. August 2014). In: Funkkorrespondenz. Sonderheft „Medienevolution“. Ausgabe Nr. 34/2014.  Bonn: dreipunktdrei mediengesellschaft mbH, URL: https://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/neue-technologien-altenbspreflexe.html, aufgerufen am 12. Februar 2021.

2 Vgl. Isaacson, Walter (2011): KAPITEL 15 10 – 9 – 8 …: Eine Delle im Universum. Aus dem Englischen übersetzt von Antionette Gittinger, Oliver Gransmück, Dagmar Mallett et al.. In: ders. (Hrsg.): Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers. München: C. Bertelsmann, S. 201 [Original: Steve Jobs, Abacus, London 2011].

Wahrer Cyberpunk, Ware Cyberpunk oder beides?

Beim einminütigen »1984«-Werbefilm greift Scott die Cyberpunk-Filmgattung auf, die er im Jahr 1982 mit seinem Film Blade Runner begründet haben soll. Die Kritik, das Unternehmen soviel Macht haben wie Staaten, wird bei der Cyberpunk-Werbung von Apple® zur Ware. Freiheitliche Werte werden zum Gegenstand von Jobs Produktankündigung. Wie gelingt es dem Unternehmen theatrale Konstruktionen in Anschlag zu bringen? Um das zu vertiefen wird sich angeschaut, wie Gefühle über Bilder formal und stilistisch organisiert werden, die auf jeweilige gesellschaftliche Wissensbestände und Werte gründen. Formal wird sich der erzählerische und assoziative Aufbau angeschaut. Zum sehr vereinfachten erzählerischen Kanon zählen die Ausgangssituation, das Problem, die Problemerkundung, das Schlüsselereignis, die Lösung des Problems und die Nachwirkung1. Das beinhaltet häufig geschichtliche Erinnerungs- und/oder Erfahrungswerte zu re:inszenieren. Der assoziative Aufbau umfasst, was zum Beispiel die Kostüme oder die Schauplätze für Gedankengänge, Erinnerungen und Gefühle freisetzen. Stilistische Mittel wie die Kameraperspektive, Kamerabewegung, Montage [Film- und Tonschnitt], Einstellungsgröße oder Farbgebung beziehen umgekehrt erzählerische und assoziative Strukturen ein. Um zu erörtern wie theatrale Konstruktionen von Apple® aufgegriffen werden, wird im ersten Schritt veranschaulicht, wie Gefühle und Beziehungen, die auf Werten fußen, bildlich in Szene gesetzt werden. Im zweiten Schritt wird untersucht, wie Gefühle über das Gehör getriggert (also ausgelöst) werden. Im dritten Schritt werden die theatralen Konstruktionen geschichtlich abgeglichen. Im ersten und zweiten Schritt werden theatrale Konstruktionen anhand der Sehbewegungen2 (Bilder, Beleuchtung, Requisiten, Kostüme etc.) und der Hörbewegungen3 (akustische Schwingungen4, also Ton) thematisiert. Das wird gemacht, 1) um zu klären wie Werte zum Gegenstand werden können und 2) um [hierarchische] Anordnungen von Werten erkennbar zu machen, die Gefühle verstärken oder verhindern. Zum 3) bildet die gängige Filmstruktur eine Vergleichsfolie zu Christian von Borries CyberpunkEssayfilm, der eine solche Analyse kaum zulassen würde.

 

1 Vgl. Pueyo, Tomas (2017): Why Stories Captivate. Dezember 2017. TEDxHumboldtBay. URL: https://www.ted.com/talks/tomas_pueyo_why_stories_captivate?language=en, aufgerufen am 23. Juni 2020.

2 Vgl. Schroedter, Stephanie (2012): Denkbewegungen über Bewegungskünste – Erste Gedankenimpulse und Dank an alle Beteiligten. In: dies. (Hrsg.): Bewegungen zwischen Hören und Sehen. Denkbewegungen über Bewegungskünste. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH, S. 10.

3 Vgl. Schroedter (2012), S. 10.

4 Vgl. Schroedter (2012), S. 9.

Theatrale Konstruktionen über Bilder im »1984«-Werbefilm

Bei bewegten Filmbildern werden Gefühle des Publikums über die Kameraperspektive, Kamerabewegung, Einstellungsgröße, Filmschnitt, Bildfrequenz (etwa Zeitlupe) und Farbgebung organisiert. Die Gefühle sind geprägt durch theatrale Konstruktionen [inszenierte Werte, die zum Gegenstand werden]. Gegenstand meiner Untersuchung wird hauptsächlich die Kameraperspektive, Einstellungsgröße und Farbgebung sein, um theatrale Konstruktionen von Freiheit, Biologie (Geschlecht, Identität, Herkunft) und Geschichte (story und history) bei der »1984«-Werbung herauszuschälen.

Die »1984«-Werbung trägt Züge des klassischen Film noir, unter anderem durch ihre Schwarzweißfilm Farbgebung. [0:01] Aus der Vogelperspektive wird ein hellgrauer und runder Verbindungstunnel in der Totalen gezeigt. Der Tunnel verläuft diagonal von einer dunkelgrauen Wand aus, auf der die weiße Zahl vierzehn zu lesen ist. Die Wand befindet sich im rechten Bildausschnitt und wirkt wie das Rückgrat des Gebäudes. Die rund gebogenen Etagen zur linken Seite muten rippenartig an. Der Schauplatz des Films, Scotts Kameraperspektive und Farbgebung leiten umgehend die Ausgangssituation ein. Seine Vogelperspektive verhilft in der perspektivischen Aufsicht das Gefälle einer hierarchischen Gesellschaftsordnung zu verbildlichen. Filmisch wird sich dem Problem genähert. [0:02] Der durchscheinende Tunnel wird durch einen Zoom vergrößert und herangeholt. Scott blendet von der Vogelperspektive in das Innere des Tunnels über. In der Überblendung verschmelzen die totale und halbtotale Einstellungsgröße, das Innere und das Äußere des Tunnels. [0:03 bis circa 0:06] Im Inneren des Tunnels sind links nahe der oberen Tunnelrundung Röhrenfernseher angebracht. Die Bildschirme, die dem Publikum zugewendet sind, zeigen in schwarzweiß eine Großaufnahme. Auf den ‚Teleschirmen‘ ist die Großaufnahme des Gesichts vom ‚großen Bruder‘ (engl.: Big Brother) zu sehen (gespielt von David Graham). Das lässt sich mit der Produktankündigung von Jobs erschließen. Auf der rechten Seite des Tunnels spiegelt sich die Großaufnahme des großen Bruders und die marschierenden Arbeiter. Im Rücken der Arbeiter befindet sich ein Spiegel. Der Spiegel am hinteren Ende des Tunnels, der leicht durchsichtige Tunnel und die leichte Spiegelung seitlich erinnern an die „radiale Sichtbarkeit“1, wie sie Michel Foucault thematisiert hat, um Disziplinargesellschaften zu beschreiben. Die Disziplinarmacht schildert der Philosoph, Historiker, Soziologe und Psychologe im Rückgriff auf die Geschichte des Gefängnisses. Wird die geschichtliche Erinnerungsproduktion auf die Werbefilmproduktion übertragen, stellt der „bewußte und permanente Sichtbarkeitszustand“ der voneinander getrennten Arbeiter, „das automatische Funktionieren von Macht sicher“2. Scott verbildlicht, die für Arbeiter, „sichtbare, aber uneinsehbare“ Macht des großen Bruders und erkundet somit filmisch das Problem. Die Arbeiter selbst werden „gesehen, ohne selber zu sehen;“ sie sind „Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation3. Das Gefühl der Rundumüberwachung verdoppelt Scott filmisch durch den leicht durchscheinenden Tunnel und die leichte Spiegelung seitlich. Der Spiegel, von dem aus die Arbeiter losmarschieren, und die seitliche Spiegelung verringern zusätzlich den Kosten-, Arbeits- und Zeitaufwand beim Dreh. Die Arbeiteranzahl vermehrt sich optisch dadurch. Das Publikum bekommt das Gefühl eine Masse männlicher Arbeiter würde sich aus der Untersicht und in Halbtotaler mit grauen Arbeitskitteln, grauen Arbeitshosen, grauen Sicherheitsschuhen und kahlgeschorenen aschgrauen Gesichtern und Köpfen im Gleichschritt auf sie zu bewegen. Beides, Teleschirm und Arbeiter, richten sich bei Scotts Bildkomposition direkt ans Publikum. In der Kameraperspektive, Einstellungsgröße und Bewegung der Arbeiter, steigert das die Spannung und verstärkt die Gefühle. Scotts Wechsel von der Vogelperspektive zur Untersicht kehrt die Blickrichtung um. Die wortwörtliche und bildliche Aufsicht wird für das Publikum zur Untersicht. Wird das Kameraobjektiv als Auge begriffen wirkt die Aufnahme von unten gefilmt einschüchternd. ‚Die Disziplin, die darauf abzielt die Kräfte des Körpers [vom Arbeiter] zu steigern, um die ökonomische Nützlichkeit zu erhöhen und dieselben Kräfte schwächt, um sie politisch fügsam zu machen‘4 wirkt durch die Untersicht größer und mächtiger. Das Umschwenken von der Vogelperspektive in die Untersicht verwandelt die Überlegenheit des Zuschauers in seine Unterlegenheit. Die Kameraperspektive wechselt vom Herabschauen zum Aufschauen. Ungefähr drei Sekunden verharrt die statische Kamera auf die einzeln hintereinander marschierenden Arbeiter. Die gleichförmige Bewegung, die Uniformierung und die Teleschirme erzählen von Gleichschaltung5 und ‚verinnerlichten Machtverhältnissen‘6. Die Bilder unterstützen das.

 

1 Foucault, Michel (1994): III Disziplin. 3. Panoptismus. In: ders. (Hrsg.): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Aus dem Französischen übersetzt von Walter Seitter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 257 [Titel der Originalausgabe: Surveiller et punir. La naissance de la prison. Editions Gallimard, 1975].

2 Foucault (1994), S. 258.

3 Foucault (1994), S. 257.

4 Vgl. Foucault, Michel (1994): III Disziplin. 1. Die gelehrigen Körper. In: ders. (Hrsg.): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Aus dem Französischen übersetzt von Walter Seitter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 177 [Titel der Originalausgabe: Surveiller et punir. La naissance de la prison. Editions Gallimard, 1975].

5 Der Begriff der Gleichschaltung speist sich aus der Elektrotechnik. Heute wird das Wort mit totalitären Regimen des Nationalsozialismus oder des Stalinismus assoziiert. Wobei äußerliche Merkmale der Gleichschaltung, wie Uniformierung und Rhythmisierung, durchaus auch bei Fabriken, Gefängnissen, Krankenhäusern und teils Schulen anzutreffen sind.

6 Vgl. Foucault (1994), S. 260.

A wie Anarchismus?

Scotts Bildfluss wird vom Schnitt abgelöst. [circa 0:06] Halbnahe Einstellungsgröße und Zeitlupenaufnahme. Eine braungebrannte und athletische Frau läuft mittig zwischen Säulen. Sie durchbricht das eintönige und triste Grau in Grau. Ihre kurzen, hellblonden Haare wehen ihr beim Laufen aus ihrem Gesicht. Auf ihrem weißen Tank-Top sind die Konturen von einem Macintosh zu erkennen. Ihre rote Short ähnelt farblich den kurzen, sportlichen Schwimmhosen US-amerikanischer Rettungsschwimmer. Die Lebens:Retterin der US-amerikanischen Westküste (gespielt von Anya Major) trägt einen weißen und roten Pulswärmer. In beiden Händen hält sie einen Vorschlaghammer. Sie wird in Normalperspektive und Frontalansicht in Zeitlupe gezeigt. Der Rezipient [das Publikum] wird durch die Kameraperspektive mit ihr auf eine Augenhöhe gebracht. Die Verlangsamung unterstützt das Gefühl von Gleichwertigkeit und verschafft Zeit um Details wie die Umrisszeichnung des Macintosh wahrzunehmen. Die Farbfilmgestaltung bricht das klassische schwarzweiß des „grauen Alltags“ auf. Die Farbgebung setzt die Zukunft [Farbfilm] von der Vergangenheit [Schwarzweißfilm] ab. Die Farbgebung, die Kameraperspektive [alltägliche Normalperspektive] und die Bildfrequenz [Zeitlupe] sagen „Rettung ist in Sicht“. Die Neuerung wird bildlich als Schlüsselereignis im weitesten Sinn1 inszeniert. [0:07 bis circa 0:09] Schnitt. Die Normalperspektive wird durch eine zweisekündige Großaufnahme in Schrägsicht gebrochen. Scott vergegenwärtigt die Ausgangssituation, um in den wenigen Sekunden die Gegensätze bildlich aufeinanderprallen zu lassen. Die Großaufnahme aus seinem linken Blickwinkel zeigt einen Arbeiter mit Beatmungsmaske, einen anderen mit leeren und geradeaus gerichteten Blick. Ein weiterer Arbeiter trägt eine silberne Nickelbrille für Weitsichtige. Scotts Begegnung des „Wir“ mit dem „Ihr“ beläuft sich auf bunt – schwarzweiß, Zukunft – Vergangenheit, Frau – Mann, gesund – krank, Abweichlerin – gleichgeschaltete Masse, freiheitliches Regime – totalitäres Regime. Scotts Inszenierung verschiedener Werte (unter anderem biologisch und politisch), der Achsensprung und der harte Schnitt kündigen einen Einschnitt an. Der Kippmoment greift dem Geschehen vor. [0:10] Schnitt. Naheinstellung. Leichte Schräg- und Untersicht von links. Vier schwarz uniformierte Polizisten laufen in voller Ausrüstung und mit Schlagstöcken in ihren Händen auf die Kamera zu. Ihre verspiegelten Helmvisiere verdecken ihr Gesicht und ihren Hals. Auf einem Visier spiegelt sich bei der Zeitlupenaufnahme die statische und schwarzweiße Großaufnahme vom großen Bruder. Durch die Kameraperspektive, Einstellungsgröße, Farbgebung und Zeitlupenaufnahme wirken die Polizisten in voller Ausrüstung bedrohlich. Die Verlangsamung verbildlicht im übertragenen Sinn die Aufholjagd zwischen IBM® [Polizisten des totalitären Regimes und/oder Unternehmens] und Apple® [Befreier:in vom totalitären Regime und/oder Unternehmen]. Wird das Problem gelöst und das totalitäre Regime und/oder Unternehmen befreit? [0:11] Schnitt. Schrägsicht und extreme Untersicht von links. Die Aufnahme zeigt marschierende Arbeiter von Schulter bis Fuß, die sich auf die Kamera zubewegen. [0:14] Das Bild geht nahtlos in die Großaufnahme leicht hochgekrempelter, aschgrauer Arbeiterhosen und Sicherheitsstiefel von Arbeitern über, die auf das Publikum zu marschieren. [0:15] Schnitt. Die Befreierin, wie oben beschrieben, von vorne, mittig, in Naheinstellung, Normalperspektive und in Zeitlupenaufnahme. [0:16] Schnitt. Aufsicht. In einem kinoähnlichen Saal marschieren die Arbeiter in Zweierreihen ein. In der Hinwendung zur Filmleinwand sind die Arbeiter vom Publikum abgewendet. Das deutet dem Publikum an, die Gleichschaltung hinter sich zu lassen. Auf der Kinoleinwand wird eine Großaufnahme des Machthabers gezeigt. Der Rest macht und schreibt Geschichte.

 

1 Beim Schlüsselereignis erfährt das Publikum die Handlungsmotivation des oder der Protagonist:innen. Die Entwicklung, die zur Handlungsmotivation führt, wird hier bildlich ausgespart.

Jenseits des Regenbogens?

Steve Jobs Biograf schreibt: [E]ine rebellische junge Frau auf der Flucht vor der Orwell’schen Gedankenpolizei [schleudert] einen Vorschlaghammer gegen einen Großbildschirm, auf dem gerade eine Propagandarede des Big Brother läuft.“1 Zuvor werden die – bis dahin – statischen Bilder von dynamischen Kamerafahrten entlang der Sitzreihen abgelöst. Im übertragenen Sinn nehmen NeuerungenFahrt auf“. Die Dynamik der Kamera greift dem Wandel vor. Als die „rebellische junge Frau“ ihren Vorschlaghammer in den Großbildschirm schleudert, durchflutet ein weißes und gleißendes Licht den Saal. Für die Arbeiter [das Publikum des großen Bruder] und das Publikum des Werbefilms zeigt sich „ein Licht am Ende des Tunnels“. Das Problem wird gelöst und die Arbeiter des totalitären Regimes werden von freiheitlichen Werten „erleuchtet“. Die totalitäre Durchleuchtung schlägt in eine freiheitliche Erleuchtung um. Die „erleuchteten“ Arbeiter haben alle erstaunt ihre Münder geöffnet. Vor dem Hintergrund werden in schwarz die Worte eingeblendet: „Am 24. Januar stellt Apple Computer den Macintosh vor. Und Sie werden sehen warum 1984 nicht wie »1984« sein wird.“ Zum Abschluss wird das Apple®-Logo in Regenbogenfarben vor schwarzem Hintergrund gezeigt, womit das Thema der Neuerung [durch Farbgebung] wieder aufgegriffen wird. Denn die Logo-Farbgebung erinnert an die Regenbogenfahne, die mitunter Werte des Friedens, der Neuerung, Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt von Lebensformen hochhält. Mit den Regenbogenfarben bindet Rob Janoff optisch den 16-farbigen Bildschirm des Apple-II ins Logo ein, wie von Steve Jobs gewünscht. Das verleiht Apple Computer von 1977 bis 1999 einen weltoffenen und freiheitlichen Anstrich. Nach Jobs Biograf Walter Isaacson werden somit freiheitliche Werte des Cyberpunks, Hackers und Andersdenkenden2 inszeniert. Die Geschichtserzählung über Technologien, die von autoritären Regierungen und/oder Unternehmen wie IBM® zur Gleichschaltung verwendet werden, verkehrt das Unternehmen Apple® zur Erzählung über Freiheit. Inszenierte Werte der Freiheit und Neuerung werden bei der Macintosh-Produktaufführung zum Produkt [Gegenstand]. Werden die hier skizzierten theatralen Konstruktionen im Werbefilm ironisch gebrochen, gehört „Big Brother“ oder vielmehr „Big Blue“ [IBM®] der Vergangenheit an. „Big Blue“ ist Gegenstand der Geschichte. Apple Computer gehört beziehungsweise ist die Zukunft. Das Unternehmen wird Geschichte machen und schreiben. Die Aufholjagd hat Apple Computer für sich entschieden. Wird die Gejagte oder vielmehr der Gejagte selbst zum Jäger? Das werde ich im dritten Schritt beim geschichtlichen Abgleich erörtern, um die theatralen Konstruktionen [also inszenierte Werte, die zum Gegenstand werden] beider Unternehmen zu prüfen.

 

1 Vgl. Isaacson, Walter (2011): KAPITEL 15 10 – 9 – 8 …: Eine Delle im Universum. Aus dem Englischen übersetzt von Antoinette Gittinger, Oliver Grasmück, Dagmar Mallett et al.. In: ders. (Hrsg.): Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers. München: C. Bertelsmann, S. 195 [Original: Steve Jobs, Abacus, London 2011].

2 Vgl. Isaacson (2011), S. 195.

Theatrale Konstruktionen über die Akustik im »1984«-Werbefilm

Wie antwortet das Publikum auf die theatralen Konstruktionen von Apple® akustisch? Beim Archivmaterial der Produktankündigung vom 30. Januar 1984 läuft die Tonspur des Werbefilms und die Tonspur des Publikums. Als erstes thematisiere ich die Tonspur des Publikums. Entzieht sich das Publikum dem Blick, werden alle räumlich Versammelten durch die Tonspur hörbar. Die Tonspur des Publikums gibt Aufschluss über dessen Handlung. In den Worten der Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, ist der wahrnehmende Zuschauer „immer auch zugleich ein Handelnder, der durch das Tun und das, was ihm geschieht, auf den Verlauf der Aufführung Einfluss nimmt1. Das heißt, das Publikum bewegt sich [körperlich], wird [emotional und körperlich] bewegt und vollzieht [kognitiv] Denkbewegungen2. Die Bewegung signalisiert wie das Publikum mitgeht. Die körperliche, emotionale und kognitive [denkende] Regung, wird bereits vor der Aufführung in Gang gesetzt. Das Publikum organisiert und plant zu einer verabredeten Zeit an einen verabredeten Ort persönlich zusammenzukommen. Gefühle wie Aufregung werden auf den Weg gebracht. Das [wissende] Publikum macht sich für die Aufführung auf den Weg. Die körperlich, emotional und kognitiv konzentrierte Bewegung sorgt für eine andere Aufmerksamkeit – vor den Kulissen, hinter den Kulissen und auf der Bühne. Der An- und Vorlauf, um alles vor- und nachzubereiten, trägt in der Feierlichkeit zur „Andacht und Ausgelassenheit“3 bei. Denn Zusammenzukommen ermöglicht zu handeln. Das Handeln löst und drückt Gefühle aus. Wie drückt das Publikum sich gemeinschaftlich und/oder vereinzelt durch sein Tun aus? Die flüchtige Gemeinschaft des Publikum äußert Beifallsbekundungen durch Applaus, begeistertes pfeifen, jubeln, johlen, lachen, stimmliche Äußerungen [Empfindungsworte wie „Awww“ oder Ausrufe wie „Yeah!“]. Zischen und strenge Blicke ermahnen die Sitznachbarn zur Ruhe, um beispielsweise andächtig lauschen zu können. Auspfeifen, Zwischenrufe, Raunen, Seufzen, halbherziger und kurzer Beifall und/oder die Aufführung verlassen, bekunden Kritik. Durch das geschilderte Tun versichert sich das Publikum einander, wie es die Aufführung erlebt. Gemeinschaftliches Handeln, wie Klatschen oder Jubeln, ermuntert. Als Einzelner jemanden zu applaudieren oder zu jubeln lässt sich kaum lange durchhalten, ohne ein Gefühl der Scham zu verspüren.

 

1 Fischer-Lichte, Erika (2004): Drittes Kapitel. Die leibliche Ko-Präsenz von Akteuren und Zuschauern. 2. Gemeinschaft. In: dies. (Hrsg.): Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 100.

2 Vgl. Schroedter, Stephanie (2012): Denkbewegungen über Bewegungskünste – Erste Gedankenimpulse und Dank an alle Beteiligten. In: dies. (Hrsg.): Bewegungen zwischen Hören und Sehen. Denkbewegungen über Bewegungskünste. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH, S. 10.

3 Köpping, Klaus (1997): Fest. In: Wulf, Christoph (Hrsg.): Vom Menschen. Handbuch historische Anthropologie. Weinheim [u. a.]: Beltz, S. 1048.

Kein Mucks mehr!

Das Tun des Publikums hängt von Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten verabredeter Werte ab. Das Handeln des Publikums geschieht im Einklang und/oder [leicht] abweichend voneinander, abhängig vom eigenen Erleben und vom gemeinschaftlichen Werte:Prozess. Zum Beispiel antworten einige auf Steve Jobs Frage, ‚ob IBM® die gesamte Computerindustrie beherrschen werde und ob George Orwell recht hatte‘, mit „Awww“, andere klatschen. Hätte Steve Jobs nun dreimal jeweils am gleichen Ort, jeweils zur gleichen Zeit, vor wechselndem Publikum seine Produktankündigung aufgeführt, wären akustische Abweichungen beim Publikum hörbar. Das Tun würde sich unterscheiden1. Das Publikum würde in anderen Augenblicken applaudieren, lachen, jubeln oder pfeifen. Deshalb gibt die Tonspur des Publikums Auskunft, wie die Inszenierung speziell am 30. Januar 1984 vom Publikum empfunden wurde. Das Live-Publikum, das Publikum der Live-Übertragung oder das Publikum des Archivmaterials, wird durch das Tun emotional, kognitiv und körperlich bewegt. Bei der Oper wird dieses Wissen im 19. Jahrhundert fruchtbar. Für die Verstärkung, Steuerung und Vereinheitlichung der Gefühls-, Körper- und Denkbewegung setzt die Pariser Opéra zum Beispiel professionelle Claque[ure] ein. Im 20. Jahrhundert überträgt das Publikum zum Beispiel bei Sitcoms oder Talkshows die emotionale Miss:Stimmung, ähnlich wie Claque[ure]. Im 20. und 21. Jahrhundert zeigen auf der sinnbildlichen Bühne, der Plattform Medium, zwei ineinander klatschende Hände die Beifallsbekundung für einen veröffentlichten Artikel online an. Die emotionale, kognitive und körperliche Bewegung des Publikums wird online zum Beispiel sichtbar durch Klicks, Kommentare, Hände und/oder andere Emojis. Am 30. Januar 1984 wird das Live-Publikum offline durch sein Tun hörbar. Zum Auftakt des einminütigen »1984«-Werbespots2 für Apple Computer beginnt das Publikum wieder zu klatschen und zu jubeln [im Abgleich mit der Werbung circa 0:04 und bei der angegebenen Produktankündigung bei ungefähr 3:36 für Minuten:Sekunden]. Plötzlich abrupte Stille [3:39]. Vermutlich wird ab hier die Tonspur für die verbleibenden 53 Sekunden der Werbung ausgeschaltet. Das heißt die Antwort des Publikums wird beim Archivmaterial ausgespart. Die Tonspur für den Werbefilm läuft weiter.

 

1 Die Aussage beruht auf persönlicher Erfahrung. Beim theaterwissenschaftlichen Seminar „Aufführungsanalyse“ wird eine Inszenierung dreimal besucht, bevor sie analysiert wird. Das macht aufmerksam, wie unterschiedlich das Publikum handelt und welchen Einfluss das Tun auf das Bühnengeschehen hat.

2 Der Werbeslogan „Warum 1984 nicht so wie 1984 sein wird“ spielt auf George Orwells gleichnamigen Roman 1984 an.

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Durch Klänge wie die menschliche Stimme, Geräusche und Musik werden Emotionen übertragen… (Fortsetzung folgt)


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