Hier ist es: Mein Vorhaben

Die Mao-Bibel schwenkende Rote Garde. Schnitt. Konsumenten, die freudestrahlend ihr verpacktes iPhone 5 schwenken. Schnitt. Massenkundgebung der Großen Proletarischen Kulturrevolution. Ein Mausklickton. Das Geräusch lenkt die Aufmerksamkeit auf die rechts oben im Bildschirm eingeblendeten Worte „Idea of Society“. Schnitt. Jubelnde Smartphone-Erwerber des Konzerns Apple Inc.. Ein Mausklickton. Oben rechts erscheint der Schriftzug „Idea of Self“.1

Die eingangs beschriebenen Trailersequenzen zu „IPHONECHINA“ und die ARTE-Fernsehsendung „Apple: Ein neuer Staat?“ weckten im Jahr 2014 mein Interesse an Christian von Borries‘ Essayfilmen. Der Gastprofessor für Intermediale Kunst an der Chinesischen Kunstakademie in Hangzhou [Stand 2020]2 und damals in Berlin ansässige Dirigent, Flötist, Komponist, Produzent und Filmemacher befragt in seinem Essayfilm „IPHONECHINA“, ob die Wahl des Rezipienten auf China oder Apple Inc. als Regierung fallen würde. Inspirationsquellen für „IPHONECHINA“ sind nach Borries (1.) Begriffe wie Japan Inc. und Deutschland AG. (2.) Steve Jobs autorisierte Biografie, die gleich neben der autorisierten Mao Biografie des Souvenirladens am Tiananmenplatz auslag. (3.) die Aussage des ehemaligen Chief Executive Officer (Abkürzung: CEO) Eric Schmidt von Google Inc..3 In einem Interview antwortete Schmidt auf die Frage, wie sich die Beziehung von Apple Inc. zu Google Inc. gestalte: „The adult way to run a business is to run it more like a country. They have disputes, yet they‘ve actually been able to have huge trade with each other. They‘re not sending bombs to each other.“4 Nach Schmidt führen multinationale IT-Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Facebbook Inc., Amazon.com Inc. und Microsoft Corporation (Abkürzung: GAFAM) keine Bombenkriege5, sondern betreiben Handel – ähnlich wie Staaten. Ob das Handels‑ und Patentkriege ausklammert, bleibt offen. Parallelen des Google– und Apple‑Unternehmens zum Staat präzisiert Schmidt mit dem Kommentar: „I think both Tim [Cook, Apple‘s, Inc. CEO in 2012] and Larry [Page, Google‘s, Inc. CEO in 2012], the sort of successors to Steve [Jobs, Apple‘s, Inc. co-founder, chairman and CEO in 2012] and me if you will, have an understanding of this state model. When they and their teams meet, they have just a long list of things to talk about.“6 Multinationale IT‑Unternehmen ziehen Parallelen zum Staatsmodell und verschiedene Präsidenten sowie die deutsche Bundeskanzlerin zum Unternehmensmodell. Bill Clinton, der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte nach seinem Amtsantritt im Jahr 1993 vergleichsweise, dass jede Nation wie ein großer Konzern sei, der im weltweiten Wettbewerb stehe. Von Bill Clinton bis Barack Obama, von Jacques Delors bis Angela Merkel blieb die Diktion der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten.7 Donald Trump, der 45. US-amerikanische Präsident betonte in seinem Wahlkampf, Amerika wie ein Unternehmen führen zu wollen und lancierte sich als „Dealmaker“. Was bedeutet es, wenn sich Unternehmen an Staaten angleichen und umgekehrt? Welches Verständnis haben multinationale IT-Unternehmen konkret von einem Staatsmodell und Staaten von einem Unternehmensmodell?

Ich habe hier flüchtig 35 Sekunden die filmische Form von Christian von Borries‘ „IPHONECHINA“-Trailer zu Papier gebracht. Wie skizziert, stellen sich mir als Rezipientin Fragen. Das liegt an Borries‘ offener Filmstruktur. Seine Essayfilme legen neo‑dadaistisch in‑sich‑Widersprüchliches frei. Filmisch verengt er Themen weder auf einfache noch auf eindeutige Antworten. Ohne seine theoretische Übersetzung, die ich im Anschluss mit Interviewzitaten und Berichterstattungen unterfüttert habe, wäre der Spielraum für Deutungsarbeit offen gewesen. Seine Essayfilme (THE DUBAI IN ME, MOCRACY – NEVERLAND IN ME, I‘m M (Soy México), IPHONECHINA, DESERT OF THE REAL, [Stand 2020]8) lassen viele Deutungen zu und widersetzen sich einer Deutungshoheit. Meine persönliche Deutungsarbeit spiegelte mir, wie sich mein Denken und meine Wahrnehmung an autorisierten und urheberrechtlichen Produktionen orientierte. Ich bewegte mich entlang meiner gewohnten Wege des Denkens und Wahrnehmens. Ich begann die filmischen Brüche kitten zu wollen. Ich ertappte mich bei meinem Anlauf dokumentarische Lücken, Gedächtnis- und Wissenslücken schließen zu wollen. Ich wollte das Gesehene raum-zeitlich und geschichtlich ordnen und organisieren. Meine Sicherheit zu wissen, verkehrte sich bei meiner Deutungs- und Erinnerungsarbeit zur angemaßten Gewissheit. Ich fragte mich, inwieweit meine Erfahrungen ein Produkt von Produktionen sind. Worauf stützte sich, womit ich die Leerstellen sinnstiftend füllen wollte? Ich blickte auf meine Denk- und Wahrnehmungsrouten, die ich routiniert9 jeden Tag beschritt. Alltägliche Abläufe geben meinem Denken Raum zum Durchatmen und nehmen mir Raum zum vagabundierenden Denken. Herumwandern abseits des Weges lässt mich meine Allgemeinplätze wahrnehmen und sie verlassen. „[D]ie Fremdheit des Alltäglichen“10 verschafft mir frische Eindrücke. Mein Blick öffnet sich für Widersprüche, in denen ich mich tagtäglich bewege. Mir wird die Komplexität klar, die für gewöhnlich ‚auf der Strecke bleibt‘. Eine Komplexität, die bei auditiven und/oder visuellen Dokumentationen häufig auf ein Entweder-Oder reduziert wird, selten auf ein Sowohl-Als-Auch. Mir werden viele mögliche Wege deutlich, etwas zu sehen, zu denken und ‚anzugehen‘. Ich werde auf meine geschulten Seh‑  und Hörgewohnheiten aufmerksam. Visuelle und/oder auditive Dokumentationen appellieren häufig an meine Gefühle. Das ‚Emotionalisieren‘ verringert für mich die Möglichkeit des kritischen Abstands. Borries‘ online frei einsehbaren Essayfilme geben mir Raum zu vagabundieren. Abseits der Betroffenheit stellen seine Essayfilme meine eingeübte An:Sicht auf die Probe – auch das umkreiste und seitenverkehrte Ɔ unterhalb der Videoabspielleiste. Das Copyleftsymbol wendet sich vom lateinischen modernen Alphabet ab, das ich in der Schule gelernt habe. Die Abkehr vom C des Copyrights widersetzt sich vom abgrenzenden und ordnenden „mein“ und „dein“ des mir unterrichteten Eigentums. Seine schwarmfinanzierten (engl.: Crowdfunding), urheberrechtsfreien Essayfilme höhlen meinen Usus (also Gewohnheit) aus11.

Im Sinne von „steter Tropfen höhlt den Stein“ arbeiten seine Essayfilme in mir. Für mich wird meine Gewohnheitsbildung als die Gewöhnung anetwa staatlich und privat autorisierte und organisierte Erinnerungerkennbar. Was zur Bildung meines Gedächtnisses, meiner Identität und Persönlichkeit geführt hat, gerät in Unruhe. Wer waren und sind die Urheber meiner Bildung, was ihre Interessen? Borries‘ Essayfilme zeigen mir, wie ich selbst Sinn über die Zeiterfahrung von „gedeuteter Vergangenheit, wahrgenommener Gegenwart, erwarteter Zukunft“ bilde (Selbsterfahrung). Ich nehme wahr, wie sich Sinn über fremde Zeiterfahrung bildet (d. h. Fremderfahrung des Zeitgeschehens durch das staatliche und das private Umfeld). Seine Essayfilme motivieren mich, kritisch autorisierte Geschichts-, Rechtsbildung und Bildung zu prüfen. Mir wird klar, dass es sich bei der Geschichte, dem Recht und der Bildung weder um eine abgeschlossene noch um eine überparteiliche oder überzeitliche Vergangenheit handelt, frei von Interessen oder von sozialen Bedingungen. Allgegenwärtig und vergegenwärtigt ist die Vergangenheit dynamisch und offen für Deutung, Wahrnehmung und Erwartung. Die Erinnerungsbewegung wird bei Borries zur Erneuerungsbewegung. Wie? Borries „media [made] from other media“12 verleibt sich (teils urheberrechtlich geschützte) Archivbestände ein. Die autorisierten Erinnerungsproduktionen füttert er mit Eigenproduktionen. Im „Manifest für einen neuen Film“ aus dem Jahr 2014 begründen Christian von Borries und Nina Franz das wie folgt: „Das Material ist schon produziert, die technischen Mittel hat jeder schon in der Hand. Wer zum Geschichte machen zugelassen ist und wer nicht, ist keine im Voraus ausgemachte Sache“13. Borries verwendet „Überbleibsel“14 (engl.: leftovers) autorisierter Erinnerungsproduktionen. Die Wiederverwertung trägt zur Umwertung bei, zum einen von Erinnerungsproduktionen und zum anderen von Re:Finanzierungsmodellen. Die urheberrechtliche „Drohkulisse“15, die er als „kapitalistische, lediglich auf Verwertungszusammenhänge ausgerichtete strategische Annahme und Übereinkunft der Content Industry“16 (dt.: Industrie für multimediale Informationsinhalte) bezeichnet, wird im Gegenteil bespielt. Für seine urheberrechtsfreien Essayfilme bemüht er programmatisch Schwarmfinanzierung (engl.: Crowdfunding). Das lege ich als digitalen zivilen Ungehorsam aus. Als ausgebildete Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin fasziniert mich die Themenvielfalt, die Christian von Borries‘ urheberrechtsfreien und gruppenfinanzierten Essayfilme bieten.

Bei meinem Vorhaben der Themenvielfalt des digitalen zivilen Ungehorsams von Borries beizukommen, erhebe ich keinen Anspruch auf Objektivität und/oder Überparteilichkeit. Ähnlich der Bildungssoziologin Eve Ewing sehe ich das kritisch.17 Deshalb möchte ich an meinem persönlichen, beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang aufmachen, welche Fragestellungen sich für mich entwickelt haben. Aus den Fragestellungen, die auf Borries‘ filmischer Form und theoretischer Übersetzung beruhen, ergeben sich meine persönlichen Forschungsinteressen.

 

1 Borries, Christian von: IPHONECHINA, Trailer. (3. Februar 2014). In: ders. Hrsg: masseundmacht. URL: https://www.youtube.com/watch?v=5LGFoJWMwj8, aufgerufen am 3. April 2020.

Die von mir beschriebenen Ausschnitte kommen ab der 2:39 Minute bis zur 3:26 Minute. Das Vorlesen aus der Mao-Bibel von der 3:01 Minute bis zur 3:13 Minute habe ich ausgelassen. Sein gesamter urheberrechtsfreier Film (siehe Abspann 1:07:04 „no rights reserved 2014)“ ist auf Vimeo einsehbar. URL: https://vimeo.com/119177497, aufgerufen am 3. April 2020.

2 Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

3 ARTE (2014): SQUARE. Apple: Ein neuer Staat? Erstausstrahlungstermin der Fernsehsendung: 13. April 2014. Einsehbare URL: https://www.youtube.com/watch?v=krLqqZljFRA.

4 Bates, Daniel (2012): Google boss claims it is ‚extremly curious‘ the search giant has not been sued by Apple. (5. Dezember 2012). In: Dacre, Paul (Chefredakteur): Daily Mail. London: DMG Media, URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html, aufgerufen am 16. April 2014.

5 Steve Jobs kündigte einen Atomkrieg an, als die Konkurrenz Produktdesignelemente von Apple Inc. kopierte. Am 17. Mai 2014 wurde der Smartphone-Patentkrieg zwischen Apple Inc. und Google Inc. nach Presseberichten beigelegt (Vgl. Bates (2012), URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html). Personalpolitisch drohte der Apple-Gründer Googles Sergey Brin mit einem Krieg. Aufgrund dessen vereinbarten Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Intel und Adobe zwischen 2005 und 2009 ein Abwerbe-Verbot von Mitarbeiter:inne:n. Die Geheimabsprache der Unternehmen enthüllte eine von 64000 Arbeitern aus dem Silicon Valley eingereichte Sammelklage (Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine. (ab circa 1:23:37 | Stunde:Minute:Sekunde der Dokumentation).

6 Solomon, Kate (2012): Schmidt: Apple v Google is a cold war, not a riot. (5. Dezember 2012). In: Anderson, Chris (Gründer): TechRadar. Bath (England): Future Publishing Limited Quay House, URL: https://www.techradar.com/uk/news/phone-and-communications/mobile-phones/schmidt-apple-v-google-is-a-cold-war-not-a-riot-1117305, aufgerufen am 20. April 2016.

7 Vgl. Willmroth, Jan (2015): Wettbewerbsfähigkeit. Das Falsche Wort. In: Friedmann, Johannes/ Rebmann, Richard/ Schaub, Thomas (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung. Süddeutsche Zeitung Nr. 162, Freitag, 17. Juli 2015. München: Süddeutsche Zeitung GmbH.

8 Alle genannten Filme können auf Borries Vimeo-Kanal masseundmacht gesichtet werden. URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020.

Im November 2019 hat er seinen neuesten Film „AI is the Answer – What the Question?“ fertiggestellt, der auf Vimeo voraussichtlich im Jahr 2020/2021 zu sehen sein wird (Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

9 Routine leitet sich von Route ab.

10 Certeau, Michel de (1988): 7. Kapitel. Gehen in der Stadt.Voyeure oder Fußgänger. In: ders. (Hrsg.): Kunst des Handelns. Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Voullié. Berlin: Merve Verlag Berlin, S. 182 [Original: L‘invention du quotidien. 1Arts de Faire. Union Générale d‘editions, coll 10/18, Paris 1980].

11 Vgl. Borries, Christian von/ Franz, Nina (2017): Manifest für einen neuen Film. URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 24. April 2017. Im 2017 einsehbaren Manifest sprachen beide von einer „präzisen Ambiguität“ zur Aushöhlung der „Repräsentationslogik“.

12 Vgl. Borries, Christian von (2014), URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 6. Mai 2020.

13 Borries, Christian von / Franz, Nina (2014), URL: masseundmacht.com.

14 Andy Warhol sagt über seine Arbeit mit „Übrigbleibseln“: „Ich arbeite gern an Sachen, die irgendwie übrig geblieben und in Vergessenheit geraten sind. Für diese LEFTOVER habe ich eine Vorliebe.“ Mit seiner Wiederverwertung und Aufwertung (engl.: Re-/Upcycling), so Warhol, spare er Arbeit und Leute. Sein Geschäft laufe als Nebenprodukt eines anderen Geschäfts, das unter Konkurrenzdruck arbeiten müsse. Also sei seine „Resteverwertungsphilosophie“ eine „äußerst ökonomische Angelegenheit“ (Vgl. Warhol, Andy (1977): The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again). Oregon (USA): Harvest House Publishers, S. 94).

15 Dobusch, Leonhard (2014): Remixer #38 Christian von Borries: „Die Zeiten werden härter“. (19.03.2014). In: Beckedahl, Markus (Hrsg.): netzpolitik.org. Berlin: netzpolitik.org e. V., URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

16 Dobusch (2014), URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

17 Nach Ewing dient Objektivität häufig als Deckmantel für Eigeninteressen, Macht und Privilegien gesellschaftlich dominanter Gruppen (Vgl. Ewing, Eve (2018): Introduction. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 7).

christian von borries’ iphonechina trailer

christian von borries’ iphonechina film

Hier ist es: Mein Vorhaben

Die Mao-Bibel schwenkende Rote Garde. Schnitt. Konsumenten, die freudestrahlend ihr verpacktes iPhone 5 schwenken. Schnitt. Massenkundgebung der Großen Proletarischen Kulturrevolution. Ein Mausklickton. Das Geräusch lenkt die Aufmerksamkeit auf die rechts oben im Bildschirm eingeblendeten Worte „Idea of Society“. Schnitt. Jubelnde Smartphone-Erwerber des Konzerns Apple Inc.. Ein Mausklickton. Oben rechts erscheint der Schriftzug „Idea of Self“.1

Die eingangs beschriebenen Trailersequenzen zu „IPHONECHINA“ und die ARTE-Fernsehsendung „Apple: Ein neuer Staat?“ weckten im Jahr 2014 mein Interesse an Christian von Borries‘ Essayfilmen. Der Gastprofessor für Intermediale Kunst an der Chinesischen Kunstakademie in Hangzhou [Stand 2020]2 und damals in Berlin ansässige Dirigent, Flötist, Komponist, Produzent und Filmemacher befragt in seinem Essayfilm „IPHONECHINA“, ob die Wahl des Rezipienten auf China oder Apple Inc. als Regierung fallen würde. Inspirationsquellen für „IPHONECHINA“ sind nach Borries (1.) Begriffe wie Japan Inc. und Deutschland AG. (2.) Steve Jobs autorisierte Biografie, die gleich neben der autorisierten Mao Biografie des Souvenirladens am Tiananmenplatz auslag. (3.) die Aussage des ehemaligen Chief Executive Officer (Abkürzung: CEO) Eric Schmidt von Google Inc..3 In einem Interview antwortete Schmidt auf die Frage, wie sich die Beziehung von Apple Inc. zu Google Inc. gestalte: „The adult way to run a business is to run it more like a country. They have disputes, yet they‘ve actually been able to have huge trade with each other. They‘re not sending bombs to each other.“4 Nach Schmidt führen multinationale IT-Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Facebbook Inc., Amazon.com Inc. und Microsoft Corporation (Abkürzung: GAFAM) keine Bombenkriege5, sondern betreiben Handel – ähnlich wie Staaten. Ob das Handels‑ und Patentkriege ausklammert, bleibt offen. Parallelen des Google– und Apple‑Unternehmens zum Staat präzisiert Schmidt mit dem Kommentar: „I think both Tim [Cook, Apple‘s, Inc. CEO in 2012] and Larry [Page, Google‘s, Inc. CEO in 2012], the sort of successors to Steve [Jobs, Apple‘s, Inc. co-founder, chairman and CEO in 2012] and me if you will, have an understanding of this state model. When they and their teams meet, they have just a long list of things to talk about.“6 Multinationale IT‑Unternehmen ziehen Parallelen zum Staatsmodell und verschiedene Präsidenten sowie die deutsche Bundeskanzlerin zum Unternehmensmodell. Bill Clinton, der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte nach seinem Amtsantritt im Jahr 1993 vergleichsweise, dass jede Nation wie ein großer Konzern sei, der im weltweiten Wettbewerb stehe. Von Bill Clinton bis Barack Obama, von Jacques Delors bis Angela Merkel blieb die Diktion der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten.7 Donald Trump, der 45. US-amerikanische Präsident betonte in seinem Wahlkampf, Amerika wie ein Unternehmen führen zu wollen und lancierte sich als „Dealmaker“. Was bedeutet es, wenn sich Unternehmen an Staaten angleichen und umgekehrt? Welches Verständnis haben multinationale IT-Unternehmen konkret von einem Staatsmodell und Staaten von einem Unternehmensmodell?

Ich habe hier flüchtig 35 Sekunden die filmische Form von Christian von Borries‘ „IPHONECHINA“-Trailer zu Papier gebracht. Wie skizziert, stellen sich mir als Rezipientin Fragen. Das liegt an Borries‘ offener Filmstruktur. Seine Essayfilme legen neo‑dadaistisch in‑sich‑Widersprüchliches frei. Filmisch verengt er Themen weder auf einfache noch auf eindeutige Antworten. Ohne seine theoretische Übersetzung, die ich im Anschluss mit Interviewzitaten und Berichterstattungen unterfüttert habe, wäre der Spielraum für Deutungsarbeit offen gewesen. Seine Essayfilme (THE DUBAI IN ME, MOCRACY – NEVERLAND IN ME, I‘m M (Soy México), IPHONECHINA, DESERT OF THE REAL, [Stand 2020]8) lassen viele Deutungen zu und widersetzen sich einer Deutungshoheit. Meine persönliche Deutungsarbeit spiegelte mir, wie sich mein Denken und meine Wahrnehmung an autorisierten und urheberrechtlichen Produktionen orientierte. Ich bewegte mich entlang meiner gewohnten Wege des Denkens und Wahrnehmens. Ich begann die filmischen Brüche kitten zu wollen. Ich ertappte mich bei meinem Anlauf dokumentarische Lücken, Gedächtnis- und Wissenslücken schließen zu wollen. Ich wollte das Gesehene raum-zeitlich und geschichtlich ordnen und organisieren. Meine Sicherheit zu wissen, verkehrte sich bei meiner Deutungs- und Erinnerungsarbeit zur angemaßten Gewissheit. Ich fragte mich, inwieweit meine Erfahrungen ein Produkt von Produktionen sind. Worauf stützte sich, womit ich die Leerstellen sinnstiftend füllen wollte? Ich blickte auf meine Denk- und Wahrnehmungsrouten, die ich routiniert9 jeden Tag beschritt. Alltägliche Abläufe geben meinem Denken Raum zum Durchatmen und nehmen mir Raum zum vagabundierenden Denken. Herumwandern abseits des Weges lässt mich meine Allgemeinplätze wahrnehmen und sie verlassen. „[D]ie Fremdheit des Alltäglichen“10 verschafft mir frische Eindrücke. Mein Blick öffnet sich für Widersprüche, in denen ich mich tagtäglich bewege. Mir wird die Komplexität klar, die für gewöhnlich ‚auf der Strecke bleibt‘. Eine Komplexität, die bei auditiven und/oder visuellen Dokumentationen häufig auf ein Entweder-Oder reduziert wird, selten auf ein Sowohl-Als-Auch. Mir werden viele mögliche Wege deutlich, etwas zu sehen, zu denken und ‚anzugehen‘. Ich werde auf meine geschulten Seh‑  und Hörgewohnheiten aufmerksam. Visuelle und/oder auditive Dokumentationen appellieren häufig an meine Gefühle. Das ‚Emotionalisieren‘ verringert für mich die Möglichkeit des kritischen Abstands. Borries‘ online frei einsehbaren Essayfilme geben mir Raum zu vagabundieren. Abseits der Betroffenheit stellen seine Essayfilme meine eingeübte An:Sicht auf die Probe – auch das umkreiste und seitenverkehrte Ɔ unterhalb der Videoabspielleiste. Das Copyleftsymbol wendet sich vom lateinischen modernen Alphabet ab, das ich in der Schule gelernt habe. Die Abkehr vom C des Copyrights widersetzt sich vom abgrenzenden und ordnenden „mein“ und „dein“ des mir unterrichteten Eigentums. Seine schwarmfinanzierten (engl.: Crowdfunding), urheberrechtsfreien Essayfilme höhlen meinen Usus (also Gewohnheit) aus11.

Im Sinne von „steter Tropfen höhlt den Stein“ arbeiten seine Essayfilme in mir. Für mich wird meine Gewohnheitsbildung als die Gewöhnung anetwa staatlich und privat autorisierte und organisierte Erinnerungerkennbar. Was zur Bildung meines Gedächtnisses, meiner Identität und Persönlichkeit geführt hat, gerät in Unruhe. Wer waren und sind die Urheber meiner Bildung, was ihre Interessen? Borries‘ Essayfilme zeigen mir, wie ich selbst Sinn über die Zeiterfahrung von „gedeuteter Vergangenheit, wahrgenommener Gegenwart, erwarteter Zukunft“ bilde (Selbsterfahrung). Ich nehme wahr, wie sich Sinn über fremde Zeiterfahrung bildet (d. h. Fremderfahrung des Zeitgeschehens durch das staatliche und das private Umfeld). Seine Essayfilme motivieren mich, kritisch autorisierte Geschichts-, Rechtsbildung und Bildung zu prüfen. Mir wird klar, dass es sich bei der Geschichte, dem Recht und der Bildung weder um eine abgeschlossene noch um eine überparteiliche oder überzeitliche Vergangenheit handelt, frei von Interessen oder von sozialen Bedingungen. Allgegenwärtig und vergegenwärtigt ist die Vergangenheit dynamisch und offen für Deutung, Wahrnehmung und Erwartung. Die Erinnerungsbewegung wird bei Borries zur Erneuerungsbewegung. Wie? Borries „media [made] from other media“12 verleibt sich (teils urheberrechtlich geschützte) Archivbestände ein. Die autorisierten Erinnerungsproduktionen füttert er mit Eigenproduktionen. Im „Manifest für einen neuen Film“ aus dem Jahr 2014 begründen Christian von Borries und Nina Franz das wie folgt: „Das Material ist schon produziert, die technischen Mittel hat jeder schon in der Hand. Wer zum Geschichte machen zugelassen ist und wer nicht, ist keine im Voraus ausgemachte Sache“13. Borries verwendet „Überbleibsel“14 (engl.: leftovers) autorisierter Erinnerungsproduktionen. Die Wiederverwertung trägt zur Umwertung bei, zum einen von Erinnerungsproduktionen und zum anderen von Re:Finanzierungsmodellen. Die urheberrechtliche „Drohkulisse“15, die er als „kapitalistische, lediglich auf Verwertungszusammenhänge ausgerichtete strategische Annahme und Übereinkunft der Content Industry“16 (dt.: Industrie für multimediale Informationsinhalte) bezeichnet, wird im Gegenteil bespielt. Für seine urheberrechtsfreien Essayfilme bemüht er programmatisch Schwarmfinanzierung (engl.: Crowdfunding). Das lege ich als digitalen zivilen Ungehorsam aus. Als ausgebildete Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin fasziniert mich die Themenvielfalt, die Christian von Borries‘ urheberrechtsfreien und gruppenfinanzierten Essayfilme bieten.

Bei meinem Vorhaben der Themenvielfalt des digitalen zivilen Ungehorsams von Borries beizukommen, erhebe ich keinen Anspruch auf Objektivität und/oder Überparteilichkeit. Ähnlich der Bildungssoziologin Eve Ewing sehe ich das kritisch.17 Deshalb möchte ich an meinem persönlichen, beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang aufmachen, welche Fragestellungen sich für mich entwickelt haben. Aus den Fragestellungen, die auf Borries‘ filmischer Form und theoretischer Übersetzung beruhen, ergeben sich meine persönlichen Forschungsinteressen.

 

1 Borries, Christian von: IPHONECHINA, Trailer. (3. Februar 2014). In: ders. Hrsg: masseundmacht. URL: https://www.youtube.com/watch?v=5LGFoJWMwj8, aufgerufen am 3. April 2020.

Die von mir beschriebenen Ausschnitte kommen ab der 2:39 Minute bis zur 3:26 Minute. Das Vorlesen aus der Mao-Bibel von der 3:01 Minute bis zur 3:13 Minute habe ich ausgelassen. Sein gesamter urheberrechtsfreier Film (siehe Abspann 1:07:04 „no rights reserved 2014)“ ist auf Vimeo einsehbar. URL: https://vimeo.com/119177497, aufgerufen am 3. April 2020.

2 Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

3 ARTE (2014): SQUARE. Apple: Ein neuer Staat? Erstausstrahlungstermin der Fernsehsendung: 13. April 2014. Einsehbare URL: https://www.youtube.com/watch?v=krLqqZljFRA.

4 Bates, Daniel (2012): Google boss claims it is ‚extremly curious‘ the search giant has not been sued by Apple. (5. Dezember 2012). In: Dacre, Paul (Chefredakteur): Daily Mail. London: DMG Media, URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html, aufgerufen am 16. April 2014.

5 Steve Jobs kündigte einen Atomkrieg an, als die Konkurrenz Produktdesignelemente von Apple Inc. kopierte. Am 17. Mai 2014 wurde der Smartphone-Patentkrieg zwischen Apple Inc. und Google Inc. nach Presseberichten beigelegt (Vgl. Bates (2012), URL: https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2243500/amp/Google-CEO-Eric-Schmidt-extremely-curious-Apple-sued-them.html). Personalpolitisch drohte der Apple-Gründer Googles Sergey Brin mit einem Krieg. Aufgrund dessen vereinbarten Unternehmen wie Google Inc., Apple Inc., Intel und Adobe zwischen 2005 und 2009 ein Abwerbe-Verbot von Mitarbeiter:inne:n. Die Geheimabsprache der Unternehmen enthüllte eine von 64000 Arbeitern aus dem Silicon Valley eingereichte Sammelklage (Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine. (ab circa 1:23:37 | Stunde:Minute:Sekunde der Dokumentation).

6 Solomon, Kate (2012): Schmidt: Apple v Google is a cold war, not a riot. (5. Dezember 2012). In: Anderson, Chris (Gründer): TechRadar. Bath (England): Future Publishing Limited Quay House, URL: https://www.techradar.com/uk/news/phone-and-communications/mobile-phones/schmidt-apple-v-google-is-a-cold-war-not-a-riot-1117305, aufgerufen am 20. April 2016.

7 Vgl. Willmroth, Jan (2015): Wettbewerbsfähigkeit. Das Falsche Wort. In: Friedmann, Johannes/ Rebmann, Richard/ Schaub, Thomas (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung. Süddeutsche Zeitung Nr. 162, Freitag, 17. Juli 2015. München: Süddeutsche Zeitung GmbH.

8 Alle genannten Filme können auf Borries Vimeo-Kanal masseundmacht gesichtet werden. URL: https://vimeo.com/user36023461, aufgerufen am 3. April 2020.

Im November 2019 hat er seinen neuesten Film „AI is the Answer – What the Question?“ fertiggestellt, der auf Vimeo voraussichtlich im Jahr 2020/2021 zu sehen sein wird (Vgl. Borries, Christian von: The Disappearance of Society in the Algorithm. (20. November 2019). URL: https://medium.com/@christianvonborries/the-disappearance-of-society-in-the-algorithm-16995db01de3, aufgerufen am 3. April 2020.

9 Routine leitet sich von Route ab.

10 Certeau, Michel de (1988): 7. Kapitel. Gehen in der Stadt.Voyeure oder Fußgänger. In: ders. (Hrsg.): Kunst des Handelns. Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Voullié. Berlin: Merve Verlag Berlin, S. 182 [Original: L‘invention du quotidien. 1Arts de Faire. Union Générale d‘editions, coll 10/18, Paris 1980].

11 Vgl. Borries, Christian von/ Franz, Nina (2017): Manifest für einen neuen Film. URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 24. April 2017. Im 2017 einsehbaren Manifest sprachen beide von einer „präzisen Ambiguität“ zur Aushöhlung der „Repräsentationslogik“.

12 Vgl. Borries, Christian von (2014), URL: masseundmacht.com, aufgerufen am 6. Mai 2020.

13 Borries, Christian von/ Franz, Nina (2014), URL: masseundmacht.com.

14 Andy Warhol sagt über seine Arbeit mit „Übrigbleibseln“: „Ich arbeite gern an Sachen, die irgendwie übrig geblieben und in Vergessenheit geraten sind. Für diese LEFTOVER habe ich eine Vorliebe.“ Mit seiner Wiederverwertung und Aufwertung (engl.: Re-/Upcycling), so Warhol, spare er Arbeit und Leute. Sein Geschäft laufe als Nebenprodukt eines anderen Geschäfts, das unter Konkurrenzdruck arbeiten müsse. Also sei seine „Resteverwertungsphilosophie“ eine „äußerst ökonomische Angelegenheit“ (Vgl. Warhol, Andy (1977): The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again). Oregon (USA): Harvest House Publishers, S. 94).

15 Dobusch, Leonhard (2014): Remixer #38 Christian von Borries: „Die Zeiten werden härter“. (19.03.2014). In: Beckedahl, Markus (Hrsg.): netzpolitik.org. Berlin: netzpolitik.org e. V., URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

16 Dobusch (2014), URL: https://netzpolitik.org/2014/remixer-38-christian-von-borries-die-zeiten-werden-haerter/, aufgerufen am 9. Mai 2020.

17 Nach Ewing dient Objektivität häufig als Deckmantel für Eigeninteressen, Macht und Privilegien gesellschaftlich dominanter Gruppen (Vgl. Ewing, Eve (2018): Introduction. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. 7).


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