Für Wissbegierige

Spiel, Satz und soziale Verwahrlosung?

Als in Tottenham, einem „sozialen Brennpunkt“ Großbritanniens, 2011 Unruhen ausbrachen, sprach der amtierende SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel aus Deutschland von einersozialen Verwahrlosung“. Wissenschaftlich befasst sich mit „sozialer Verwahrlosung“ die Soziale Arbeit1, die Psychologie, die Urbanistik (vor allem in Bezug auf Stadtviertel) und die Politikwissenschaft (hinsichtlich Personengruppen). Die Fachdisziplinen berücksichtige ich im Hinblick auf die Weltwirtschaftskrise ab dem Jahr 2007. Konkret werde ich mit der urbanen „sozialen Verwahrlosung“ eine Brücke zum Warenkonsum und Paradox des Wirtschaftswachstums schlagen und zurück. Das theatrale Spektrum der „sozialen Verwahrlosung“ durch die deregulierte ultra-liberale Marktwirtschaft fächer ich mit Spieltheorien auf. Wird nämlich das Mikrospiel auf das Makrospiel des Lebens übertragen, sindsozial Verwahrloste“ Personen nicht mehr imstande, am sozialen Spiel teilzunehmen (theaterwissenschaftlich: zu partizipieren). Der Ausschluss aus dem sozialen Spiel umfasst neben dem Un-Vermögen, die Existenzsicherung zu gewährleisten, eine mangelnde Entwicklungs- und Partizipationschance. Das heißt keine Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Denn als Instrument der sozialen Gestaltung stellt Konsum einen sozialen Kitt dar (beispielsweise im miteinander Speisen und kontaktieren über Kommunikationstechnologien). Konsumartikel bestimmen als Statussymbol den gesellschaftlichen Rang und drücken Macht aus. Das führt mit wachsender Privatisierung zur sozialen Unsichtbarkeit. In Anlehnung an den Begriff der sozialen Unsichtbarkeit des Philosophieprofessors Guillaume le Blanc, werde ich von soziopolitischer Unsichtbarkeit sprechen. Denn die soziale Unsichtbarkeit wird politisch durch das Sprechen, oder vielmehr die Sprache, und das Handeln der jeweiligen (politischen) Amtsträger getragen. Die soziopolitische Unsichtbarkeit wird durch die deregulierte ultra-liberale Marktwirtschaft begünstigt, welche der ‚Freiheit‘ Vorschub leistet, Armut und Elend wahr-zu-nehmen. Wie wird verhindert Armut und Elend wahr-zu-nehmen?

1 Die Soziale Arbeit spricht in ihrer neueren Forschung von Dissozialität, um vom Begriff der Verwahrlosung abzusehen. Denn Verwahrlosung ist in der Geschichte der Sozialarbeit negativ geprägt.

Die Verschränkung des Verwahrlosungsbegriffs mit Konsum und Theatralität

Die Eingrenzung des Begriffs Verwahrlosung

Bevor ich mich der vorangegangenen Frage widme, möchte ich die „soziale Verwahrlosungin Bezug zum Seminar Konsum und Theatralität setzen, und zwar wortgeschichtlich. Der Begriff „Verwahrlosung“ lässt sich bis ins Althochdeutsche zurückverfolgen und beruht auf dem althochdeutschen Wortstamm „wara“ und auf dem mittelhochdeutschen Wortstamm „war(e)“, welcher Beachtung, Obhut1 sowie Währung, Bewahrung und Verwahrung bedeutet. Es ist zu vermuten, dass die ungeklärte Herkunft des mittelhochdeutschen Begriffs „Ware“ (also Handelsgut) sich linguistisch aus dem Wort „wahren“, also konkret „in Verwahrung genommen“ ableitet2. Unter dem mittelhochdeutschen „warlōs“ (also achtlos)3 oder auch „wârelos“ wurde indes die mangelnde Achtsamkeit eines Menschen für etwas zu „wahrendes“ verstanden. Seit dem 14. Jahrhundert wird das Verb „verwarlōsen“ für Vernachlässigung4 verwendet und für „die Schuldige Sorge für eine Sache nicht haben“5. Menschen bringen demnach etwas mangelnde „Achtsamkeit“ und „Sorge“ entgegen. Das zur „Verwahrlosung“. Aber was bedeutet der Begriff sozial?

 

Die Eingrenzung des Begriffs sozial

Der Begriff „sozial“ umfasst das geregelte und beziehungsfördernde Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft. Wertneutral fasst der Begriff Gesellschaft und Gemeinschaft zusammen.6 Wertend erinnert das Fremdwort „sozial“ an die „bestehenden gesellschaftlichen Mißstände und die Leiden der davon Betroffenen“7. Zusammengesetzte Wörter wie „Sozialpolitik“ oder Wörterpaarungen wie „soziale Verwahrlosung“ rufen dazu auf, sozial Benachteiligte zu unterstützen.8 Für den Duden definiert das Wort sozial“, dem Gemeinwohl und der Allgemeinheit zu dienen sowie Schwächere zu schützen. Der Begriff bezeichnet, nach dem Duden, die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Gruppe oder zu mehreren verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft.9

 

Soziale Verwahrlosung spieltheoretisch

Eine „soziale Verwahrlosung“ weist wortgeschichtlich, aber auch spieltheoretisch auf eine Beziehung von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Gegenstand hin. Im sozialen Schaltkreis tritt entweder ein Mensch oder, auf Anforderung, ein stellvertretendes staatliches Organ als „Schiedsrichter“ ein, der rein spieltheoretisch auf das Regelspiel achtgibt, um dem „sozial Verwahrlosten“ eine vorwiegend finanziell geregelte (Selbst-) Fürsorge zu gewährleisten. Sprich, eine Sorge, die demsozial Verwahrlosten“ (spiel-)theoretisch der Selbstständigkeit befähigt, für sich Selbst, für Andere und für das „Wahren“ von Objekten Sorge zu tragen. Hier wird offenbar, dass sich Ursache und Wirkung wechselseitig zueinander verhalten, wie beim Kinderspiel. Beim Kinderspiel sorgen wechselseitige Orientierungen an strategischen oder an normativen Regeln für einen Handlungsrahmen. Die strategischen und/oder normativen Regeln sind wesentlich für das Spiel, ähnlich wie beim „sozialen Spiel“. Die Strategie stellt einen Plan dar, der vor dem Spiel aufgestellt wird und festlegt, wie der Spieler in jeder denkbaren Spielsituation vorgeht. Selbst unwahrscheinliche Züge werden bei der Strategie mit einbezogen10. Normative (Spiel-)Theorien besagen, wie ein Entscheidungsträger handeln soll, wenn er das vorteilhafteste Ergebnis hinsichtlich seiner Präferenzen – unter Berücksichtigung der strategischen Möglichkeiten der Mitspieler – erzielen möchte.11

1 Vgl. Kluge, Friedrich (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25., durchg. und erw. Aufl., bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin: De Gruyter Verlag, S. 958 [1. Aufl. 1883].

2 Vgl. Dudenredaktion online (2012): Ware, die. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Ware [Stand: 25. Februar 2012].

3 Vgl. Kluge 2011, S. 958.

4 Vgl. Kluge 2011, S. 958.

5 Vgl. Hering, Sabine/ Gehltomholt, Eva (2006): 4.2 Definition von Verwahrlosung. In: dies. (Hrsg.): „Das verwahrloste Mädchen“ – Diagnostik und Fürsorge in der Jugendhilfe zwischen Kriegsende und Reform (1945-1965). Opladen: Barbara Budrich Verlag, S. 52 f.

6 Vgl. Dudenredaktion online (2012): Ware, die. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Ware [Stand: 25. Februar 2012].

7 Brugger, Walter (1990): Philosophisches Wörterbuch. 18., nach d. neu bearb. 14. durchges. Aufl., Sonderausgabe. Freiburg : Herder Verlag, S. 366 [1. Auflage 1947], S. 366.

8 Vgl. Brugger 1990, S. 366.

9 Vgl. Dudenredaktion online 2012 auf duden.de.

10 Vgl. Diekmann, Andreas (2009): 2 Extensivform, Strategien, Teilspielperfektheit. In: ders. (Hrsg.): Spieltheorie. Einführung, Beispiele, Experimente. Reinbek: Rowohlt Verlag, S. 49.

11 Vgl. Diekmann, Andreas (2009): 4 Entscheidungstheorie, Spieltheorie und rationales Handeln. In: ders. (Hrsg.): Spieltheorie. Einführung, Beispiele, Experimente. Reinbek: Rowohlt Verlag, S. 79.

Das soziale Mikro- und Makrospiel

Beim Spiel im Kleinen (Mikrospiel) findet sich die Beziehung von Mensch zu Mensch und vom Mensch zum Gegenstand vereinfacht in der Beziehung vom Spieler zum Spieler und vom Spieler zur Spielfigur (Schachfigur) oder zum Spielgegenstand (Fußball) wieder. Spiele im Kleinen wie im Großen (Mikro- wie Makrospiele) sind durch Wettbewerb, Mitspielen, Miteinander spielen, Problemlösung, Aufgabenbewältigung und Interesse am Spiel geprägt. Die gemeinsame Auslegung der Regeln können ‚in der Veränderung der Regeln münden‘1. Dafür bedarf des Miteinanders, um die Anerkennung der Regeln und deren Anwendungsweisen zu gewährleisten.2 Grundlage r das Spiel im Großen bildet das Kinderspiel. Das Kind gleicht sich im Spiel „an die Welt im Regelspiel“3 an. Ermöglicht wird das durch die Gesetzmäßigkeiten des Spiels und die Schaffung einer geregelten Freiheit. Das „Hereinholen der Welt ins Eigene“4 übt das Kind durch den Umgang mit gesellschaftlich etablierten Symbolfunktionen ein5 (wie etwa soziale Rollenbilder und ihre Statussymbole). Im Spiel wird die kognitive Entwicklung des Kinds gefördert6, indem es mitunter lernt aufmerksam zu sein, kreativ zu sein, sich zu erinnern, sich zu orientieren, zu lernen, zu planen und sich etwas vorstellen zu können. Spielerisch werden so vom Kind bereits Aufgaben bewältigt und Pläne erfüllt. Das verhilft dem Kind zum Selbst-Bewusstsein. Die vollständige und/oder weitgehende Hingabe an fremde Regelungen und autoritäre Unterweisungen birgt beim Spiel(en) indes das Risiko der Verunsicherung und des Abbaus des Ich-Gefühls.7 Insofern stellt das Kinderspiel einen interaktiven Durchlauf durch Entwicklungsstadien dar. Spielerisch werden Erwartungen und Perspektiven übernommen, die das soziale Umfeld an die heranwachsende Person adressiert. Kinder spielen zum Beispiel soziale Rollen durch, wie „Verkäufer sein“ oder „Mutter/Vater sein“.8 Dem Kind wird beigebracht in „Beziehungsspiele“ einzutreten und soziale Muster anzuwenden.9 Spielerisch können sich Verhaltensmuster und mögliche Lösungsanleitungen darbieten. Neue Blickwinkel können eingenommen und meistens risikofrei ausprobiert werden.10 Das Symbol- und Funktionsspiel11 des Kindes wird im Erwachsenenalter ins Schaffen überführt. Kunst, Musik, Literatur, Theater, Sport und Arbeit stellen Reinszenierungsorte verwandelten kindlichen Spielens dar.12 Wobei das Regelspiel die häufigste Form der Reinszenierung darstellt und die Grundlage für Regeln in der Gesellschaft13 bildet. Denn soziales Handeln und entsprechende Handlungsordnungen, wie sprachliche (hier sei auf das „Sprachspiel“ des Philosophen Ludwig Wittgenstein verwiesen), strukturieren und stabilisieren sich durch die Ausrichtung am Regelspiel.14 Das hat theatrale Züge.

1 Renn, Joachim: Gesellschaftsspiele. Vom strategischen zum kooperativen Umgang mit sozialen Regeln. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 10.

2 Vgl. Renn 2008, S. 10.

3 Rellstab, Felix (2003): Spielen. Spiel und Arbeit. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Theaterspielen. Band 1. Grundlagen. Wädenswill: Verlag Stutz Druck AG, S. 28 [1. Auflage 1994].

4 Rellstab 2003, S. 28.

5 Vgl. Renn 2008, S. 14.

6 Vgl. Renn 2008, S. 14.

7 Vgl. Rellstab 2003, S. 28.

8 Vgl. Renn 2008, S. 14.

9 Vgl. Rellstab, Felix (2003): Spielen. Regeln. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Theaterspielen. Band 1. Grundlagen. Wädenswill: Verlag Stutz Druck AG, S. 27 [1. Auflage 1994].

10 Vgl. Allolio-Näcke, Lars/ Zurek, Adam (2008): Editorial. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 3.

11 Beim Funktionsspiel entwickelt das Kind sensomotorische Fähigkeiten. Beim Symbolspiel eignet es sich Denken und Fantasie an (Vgl. Rellstab 2003, S. 27).

12 Vgl. Allolio-Näcke, Lars/ Zurek, Adam (2008): Editorial. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 3.

13 Allolio-Näcke/ Zurek 2008, S. 3.

14 Vgl. Allolio-Näcke/ Zurek 2008, S. 3.

 

Das Theatrale des sozialen Spiels

Das Theatrale des sozialen Spiels besteht unter anderem in der Beziehung zwischen Ernst und Spiel. Das Spiel erschließt den Ernst des Lebens. Biologisch und symbolisch werden Rollen bekleidet. Als Privatperson und/oder öffentliche Person werden Fähigkeiten, Fertigkeiten und Überzeugungen inszeniert.1 Theatrales stellt bei einem weiten Theaterverständnis soziopolitische Aufführungen dar. Das bedeutet, der Mensch inszeniert sich in sozialen, politischen oder ökonomischen Zusammenhängen.2 Der „Ernst des Lebens“ wird durchgespielt. Durch Strategien und Taktiken, die zur Orientierung der Spieler auf sozialen Spielfeldern dienen und sich im Spiel antrainiert werden, findet im Spiel(en) das Leben seinen Ausdruck.3 Beim Spiel(en) finden sich entsprechend Abhängigkeits- und Angewiesenheitszusammenhänge,4 wie sie der Soziologe und Philosoph Norbert Elias aufzeigt5. Wie das Kind bewegt sich der Erwachsene im Angewiesensein auf Spielpartner und/oder Spielgegenstände in Abhängigkeitsverhältnissen.

Spiele sind in der (Re-)Inszenierung sowie in den Gesetzmäßigkeiten des Regelspiels allgegenwärtig. Das „soziale Spiel“ setzt zum Beispiel die Kooperation und die Bereitschaft voraus, sich an sozial verbindliche Vereinbarungen und Regeln zu halten. Dafür ist Wittgensteins „Sprachspiel“ beispielhaft, welches seinen „Philosophischen Untersuchungen“ entspringt. Besagtes „Sprachspiel“ zeigt die kontextspezifische Gebrauchsabhängigkeit der Begriffsbedeutungen und der sprachlichen Ausdrücke auf. Entsprechend stellt die sprachliche Interaktion eine Form des Spielens nach unscharfen Regeln dar, denn Regelanwendungen richten sich nach ihrer Deutung. Die Regel regelt also laut Wittgenstein nicht, wie ihr Folge zu leisten ist.6 Aus diesem Grund hängt die „Menge der regelkonformen Spielzüge“7 von der „Übereinkunft der Sprach- bzw. Spielgemeinschaft“8 ab, die eine Vereinbarung zu treffen hat, was als jeweils regelkonform gilt.9 Theatral handelt es sich gewissermaßen um ein (un-)geschriebenes soziales Drehbuch mit Spielraum zur Regelimprovisation.

1 Vgl. Renn, Joachim: Gesellschaftsspiele. Vom strategischen zum kooperativen Umgang mit sozialen Regeln. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 10.

2 Vgl. Kolesch, Doris (2008): Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Das Parlament. Aus Politik und Zeitgeschichte. Politisches Theater 42, 13. Oktober 2008, S. 37. URL: http://www.bpb.de/publikationen/1XLHZD,0,0,Politisches_Theater.html [Stand: 20. Februar 2012].

3 Vgl. Renn 2008, S. 14.

4 Vgl. Renn 2008, S. 14.

5 In Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation geht Norbert Elias davon aus, dass Angewiesenheits- und Abhängigkeitsgeflechte „die Gestalt des Seelenhaushalts“ ändern. Das geschehe angesichts der Modellierung des Verhaltens und des emotionalen Lebens. Der „Zivilisationsprozess“ stellt in diesem Zusammenhang einen Prozess a) der fortschreitenden Verflechtung dar, b) der etappenweisen Veränderung gesellschaftlicher Funktionen und c) der wechselseitigen Abhängigkeiten (Vgl. Elias 1977, S. 119).

6 Vgl. Renn 2008, S. 17.

7 Zitat nach Renn 2008, S. 18.

8 Renn 2008, S. 18.

9 Vgl. Renn 2008, S. 18.

Regelmodellierung und -abweichung

Die Performativität des Sprach- und Regelspiels wird dabei von einem gemeinsamen ‚Habitus‘ (Pierre Bourdieu) getragen1. Grundlegende gesellschaftliche (Spiel-) Regeln verlieren aber ihre bindende Kraft, wo die Reichweite der Regulierung aufhört und die kreative Abwandlung anfängt2. Der Regelkanon fußt zwar auf eingespielter Anerkennung und/ oder aber auf geschichtlich gewachsener Autorität, kann sich aber in der allmählichen und unbemerkten Verschiebung geteilter Gewohnheiten Schritt für Schritt als Ganzes verändern,3 wie noch später anhand der deregulierten ultra-liberalen Wirtschaft dargelegt wird. Die sich daraus entfaltende Regelmodellierung vollzieht sich durch die Anerkennung autorisierter Einrichtungen und Organisationen. Im Unterschied zur Regelmodellierung können Regelabweichungen, nach Prof. Dr. Joachim Renn, vergleichsweise dauerhaft und strukturstabil im Schatten und als Randerscheinung „offiziell geregelter Institutionalisierungen subkultureller Praktiken und Gewissheiten“ erhalten bleiben4.

Ein geübter Spieler weiß um diese Regeln. Er schaltet – im geeigneten Moment – flexibel zwischen Plan, Strategie, vorbeugenden Maßnahmen und taktischem Manöver um5. Er nutzt den Spielraum grundsätzlich bindender Regeln, um ihn um Anwendungsprinzipien (d. h. „Erkenne die besonderen Erfordernisse der Situation!“) und um Erwartungserwartungen6 (d. h. „Kalkuliere in der Regelanwendung die Deutung des Mitspielers ein!“) zu bereichern. Diese Anwendungsprinzipien und Erwartungserwartungen lassen sich weder wiederholen noch auf andere Spiele übertragen. Deshalb sind Spiele grundlegend für das allgemeine Verhältnis zwischen Struktur und Handlung.7 Beim Spiel(en) durchdringen, stützen und konsumieren sich Konkurrenz, Zusammenarbeit, Inszenierung und Umsetzung durch Angewiesenheits- und Abhängigkeitsverhältnisse. Im sozialen Zusammenspiel wird nämlich zur (Re-)Inszenierung und Umsetzung ein Spielpartner und/oder Spielgegenstand benötigt. Für das Erreichen eines gemeinsamen Ziels muss kooperiert werden (zusammengearbeitet/ zusammengespielt werden). Zusammen zu spielen schließt, je nach Einsatz des Spiels und je nach strategischen Haltungen und Handlungen, Konkurrieren ein. Der Spieleinsatz und -anreiz bildet – im Idealfall – zu Gewinne(n) und/oder eine Positionsverbesserung (das heißt sozialen Aufstieg). Die genannten Abhängigkeits- und Angewiesenheitsverhältnisse der Konkurrenz, Zusammenarbeit, Inszenierung und Umsetzung sind unter anderem im Wirtschaftssektor, in der Politik, in der Kunst und im Konsum in ihrer – spezifisch für dieses Spielfeld – typischen Anordnung wiederzufinden.

 

Das Vertrauensspiel als theatraler Wettbewerb

Wird das Spiel im Kleinen (Mikrospiel) auf das Spiel im Großen (Makrospiel) übertragen, tritt bei der Wirtschaft anstelle des Schiedsrichters der Markt. An die Stelle des Publikums treten im Makrospiel die Konsumenten. Im wirtschaftlichen Makrospiel machen, nach Renn, [d]ie Intransparenz von Märkten, die Unsicherheit der Erwartungen an ein Produkt, die zukünftige Folge des Einsatzes von Mitteln in Form von Zahlungen“8 die Inszenierung von Vertrauenswürdigkeit und vom Wert des Produkts zur Gewinnung von Konsumenten nötig. Die Inszenierung von Glaubwürdigkeit, die kooperative Elemente enthält, wird in der Spieltheorie als „Vertrauensspiel“ bezeichnet. Beim Vertrauensspiel steht das Ansehen, das mit unvollständigen Informationen an Bedeutung gewinnt, als sozialer Faktor „auf dem Spiel“. Der Wettkampf um die wirtschaftliche Positionierung und das Ansehen wird durch die bedeutende Rolle des Konsumenten zum theatralen Wettbewerb. Deshalb stellt sich als eines der theatralen Spielfelder des Erwachsenenlebens der Konsum dar, der dem Kapital – wie der Städtebau – ein Gesicht verleiht. An allgegenwärtigen Sichtfenstern wie dem Internet, dem Handy, dem Fernsehen, Werbeplakaten oder Schaufenstern wird das wahrnehmbar.

1 Vgl. Renn, Joachim: Gesellschaftsspiele. Vom strategischen zum kooperativen Umgang mit sozialen Regeln. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 21.

2 Vgl. Renn 2008, S. 20.

3 Vgl. Renn 2008, S. 21.

4 Renn 2008, S. 21f.

5 Renn 2008, S. 24.

6 Vgl. Diekmann, Andreas (2009): Einleitung, S. 12 und 5 «Des einen Freud ist des anderen Leid». Nullsummenspiele, Sattelpunkte und gemischte Strategien, S. 98. In: ders. (Hrsg.): Spieltheorie. Einführung, Beispiele, Experimente. Reinbek: Rowohlt Verlag.

7 Vgl. Renn 2008, S. 24.

8 Renn 2008, S. 25.

Konsum als theatrales Spielfeld des Erwachsenenlebens

Das Makrospiel des Warenkonsums (re-)präsentiert sich wahrnehmbar in sozioökonomischen und politischen Zusammenhängen. Die Theatralität des Konsums besteht im Spielerischen. Das zeigt sich zum einen in der gefühlten Freiheit von Zwängen (wie zum Beispiel der Arbeit), zum anderen im Imaginations- und Inszenierungswert. Der Imaginationswert zeichnet sich laut Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie, durch den Fiktionswert einer Ware aus. Die zielt auf die Gefühlswelt des Konsumenten ab und löst den Gebrauchswert ab. Für Ullrich bergen deshalb Schillers Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“1 aus dem Jahr 1795 warenästhetische Züge. Schillers „Interesse am Schein [als] eine wahre Erweiterung der Menschheit und ein[en] entschiedene[n] Schritt zur Kultur“2 ist für Ullrich im Übergang von der Lüge zur Fiktion durchlässig, wenn nicht fließend. Das ist für ihn abhängig vom Identifikationsgrad. Schiller wandte sich vergleichsweise gegen die Verwechslung von Lüge und Fiktion. Für ihn ermöglichte die ästhetische Erziehung, sich über sich selbst klarer zu werden, Festlegungen zu überwinden und sich [und seine Rolle, Anmerkung der Verfasserin] neu zu definieren. Die ästhetische Erziehung befähigt für ihn zur Selbstbildung und Herausbildung von Unabhängigkeit (Autonomie). Seiner Ansicht nach sorgt eine Theaterinszenierung bei „angespannten Menschen“ für Ausgeglichenheit und bei „abgespannten Menschen“ für Energie3. Für Ullrich bereiten der Medien- und Produktkonsum einen ähnlich entlastenden Abstand von alltäglichen und verbindlichen Verpflichtungen. Im Konsum gibt der Erwerbsort Spielraum zur Selbstbestimmung.4 Als Produkt eines Systems vermittelt die Ware Zugehörigkeit zum System. Somit schafft die Ware in Ullrichs 2009 erschienenen Artikel „Über die warenästhetische Erziehung des Menschen“ ein identifizierendes Verhältnis. Identitätszeichen wie Markennamen5, dienen dem Verbraucher zur Orientierung und zum Erwecken von Vertrauen. Als Konsument vertraue ich auf die jeweiligen Fiktionswerte einer Ware. Mein Vertrauen ist essentiell, schließlich sind die beworbenen Werte aufgrund komplexer Abhängigkeiten für mich selten einschaubar. Konkret habe ich als Endverbraucher kaum Einblick in die Arbeits- und Produktionsbedingungen in den verschiedenen Ländern, in denen die Ware hergestellt wird. An jene Fiktionswerte knüpft der Appell „Wer verbraucht, gestaltet“ des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler beim deutschen Verbrauchertag am 9. Juli 2007 an. Als Verbraucher gibt mir das, laut dem Kunstkritiker und Autor Fabian Stech, das Gefühl der Zugehörigkeit6 zu einer Wertegemeinschaft. Ich gestalte als Verbraucher und stifte als (Mit-)Gestalter Sinn. Ich konsumiere die Ware und ihre Bedeutung. Das emotionale und lebensweltbildende Potential7 gibt mir das Gefühl meine Werte über Konsum ausdrücken zu können.8 Der Wunsch nach Ausgeglichenheit (Work-Life-Balance), nach Energie durch (Freizeit-) Gestaltung und Zugehörigkeit wird mir, laut Ullrich, durch das Verbrauchen möglich.

Zusammengefasst beinhaltet Schillers ästhetische Erziehung die Befreiung von alltäglichen Zwängen. Das schafft, nach Ullrich, auch die warenästhetische Erziehung im Konsum. Doch im Gegensatz zur Kunst verhält sich der Warenkonsumals rein regelkonformer Verbrauch – einseitiger. Bei Ullrichs warenästhetischer Erziehung handelt es sich um eine „Freiheit von“ oder um eine „Freiheit zu“.9 Von der Gebrauchswertbindung befreit, prägen oder gestalten bei Ullrichs warenästhetischer Erziehung die fiktiven Imaginations- und Inszenierungswerte des Produkts meine Verbraucheridentität aus oder um. Gleichsam vermittelt die warenästhetische Erziehung die Idee des Gleichheitsprinzips. Laut dem Pop-Art-Künstler Andy Warhol ist es ohne Belang, ob es sich um den „Penner an der nächsten Ecke“ oder Liz Taylor handeln würde, beide würden die gleich gute Coca-Cola trinken.10 Im Warenkonsum erfüllt sich nach Warhols Aussage das Gleichheitsprinzip. Die von Warhol dargestellte Gleichheit offenbart ein in demokratischen Gesellschaften häufig zu beobachtendes Phänomen. In demokratischen Gesellschaften wird die Gleichheit mit der Vereinheitlichung und Vermassung verwechselt. Die Gleichheit stellt als juristische Gleichbehandlung eine unverzichtbare Begleiterscheinung der Freiheit dar – im Gegensatz zur Vereinheitlichung.

 

Gleichheit im Warenkonsum?

Die wohlhabende und in einer eingezäunten Villa lebende Elizabeth Taylor, und ein „Penner“, der seine Habseligkeiten beispielsweise in einem Einkaufswagen mit sich führt, verdeutlichen graduelle Unterschiede, aus denen kategorische erwachsen können. Das Elend11 eines Obdachlosen stellt „eine Festung ohne Zugbrücke“12 dar. Wer im Elend lebt, ist seinem Körper und dem (Über-)Lebenskampf verschrieben. Nach Gillaume le Blanc, Professor für soziale und politische Philosophie, ist solch ein Mensch in derart elenden Bedingungen verhaftet, dass sie seiner Würde abträglich sind. Im (verstärkten) Ausschluss trägt die soziopolitische Unsichtbarkeit dieser Gruppen zur Abträglichkeit ihrer Würde bei.13 Wie Gillaume le Blanc bemerkt, werden ausgegrenzte Existenzen, wie Obdachlose, häufig von den vorbeigehenden Passanten keines Blickes gewürdigt. Sie werden von den Einwohnern der Großstadt aus dem Blickfeld verdrängt, als-ob sie tatsächlich nicht sichtbar wären und werden im übertragenen Sinn unsichtbar. Die aus einer Stadt ausgeschlossene Existenz lebt paradoxerweise in jener Gemeinschaft eingeschlossen, ohne ihr anzugehören, so der Philosophieprofessor.14 Daraus folgt, Menschen werden durch ihren sozialen Status geprägt und sind abhängig davon soziopolitisch sichtbar oder unsichtbar. Aus diesem Grund darf die rechtliche Gleichheit nicht mit der Gleichheit im Sinne einer Vereinheitlichung und Vermassung verwechselt werden. Die politische Demokratisierung (etwa in der Berufswahl) unterscheidet sich von der Demokratisierung des Konsums (in der Produktwahl). Gleichwohl Politik und Wirtschaft einander bedingen. Das wechselseitige Angewiesenheits- und Abhängigkeitsverhältnis von Wirtschaft und Politik möchte ich anhand der deregulierten ultra-liberalen Marktwirtschaft erläutern.

1 Vgl. Ullrich, Wolfgang: Über die warenästhetische Erziehung des Menschen. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Das Parlament. Aus Politik und Zeitgeschichte. Konsumkultur. Ausgabe: 32-33, 3. August 2009, S. 14-19. URL: http://www.bpb.de/publikationen/0RDKRY,0,0,Konsumkultur.html [Stand: 05. Oktober 2011].

2 Schiller, Friedrich (1795): Sechsundzwanzigster Brief. In: ders. (Hrsg.): Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Publikation der Cotta Buchhandlung aus Stuttgart für das Gutenberg Projekt. URL: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2397&kapitel=1#gb_found [Stand: 28. Februar 2012].

3 Schiller, Friedrich (1795): Siebzehnter Brief. In: ders. (Hrsg.): Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Publikation der Cotta Buchhandlung aus Stuttgart für das Gutenberg Projekt. URL: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2397&kapitel=1#gb_found [Stand: 28. Februar 2012].

4 Vgl. Ullrich 2009, S.18.

5 Vgl. Stech, Fabian (2003): Ich bin eine Frau, ich lebe in meinem Jahrhundert, ich bin Feministin. Ein Gespräch mit Fabian Stech. In: Bianchi, Paola (Hg.): KUNSTFORUM International, Band 167, Theorien des Abfalls. Ruppichterroth: Dieter Bechtloff Verlag, S. 217.

6 Vgl. Stech 2003, S. 217.

7 Vgl. Ullrich 2009, S. 18.

8 Vgl. Haubl, Rolf: Wahres Glück im Waren-Glück? In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Das Parlament. Aus Politik und Zeitgeschichte. Konsumkultur. Ausgabe: 32-33, 3. August 2009, S. 7 URL: http://www.bpb.de/publikationen/0RDKRY,0,0, Konsumkultur.html [Stand: 25. Februar 2012].

9 Vgl. Ullrich 2009, S. 18.

10 Vgl. Warhol, Andy (1991): 6. Arbeit. In: ders. (Hrsg.): Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück. Ins Deutsche übersetzt von o. A.. München: Droemer Knaur Verlag, S. 105 [Orig.: The Philosophy of Andy Warhol From A to B and Back Again. 1975].

11 Es wird Elend und Armut unterschieden, weil der Arme die Freiheit besitzt, seine Existenz der Intendanz des Existierens zu entziehen.

12 Vgl. Camus, Albert (1995): Der erste Mensch. In: ders. (Hrsg.): 6a Die Schule. Ins Deutsche übersetzt von Uli Aumüller. Reinbek: Rowohlt Verlag, S. 167 [Orig.: Le premier homme. 1994].

13 Vgl. ARTE Philosophie (2011): Unsichtbar. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 13. November 2011. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/philosophie_ unsichtbar-4252128.html [Stand: 3. März 2012].

14 Vgl. ARTE Philosophie (2010): Prekarität. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 26. April 2010. URL: http://www.arte.tv/de/ Philosophie-_E2_80_93-Prekaritaet/3071572.html [Stand: 28. Februar 2012].

Spiel, Satz und Sieg der deregulierten ultra-liberalen Marktwirtschaft

Ende der 1970iger Jahre nimmt die deregulierte ultra-liberale Marktwirtschaft ihren Anfang. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher bringt ihre radikal-liberale Politik ins Spiel. Die ist von den Thesen des österreichischen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich Hayeck inspiriert. Gleich nach ihrer Wahl setzt Thatcher im Mai 1979 eine Reihe von ultra-liberalen Reformen durch, gefolgt von dem 1981 ins Amt gewählten US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Der wird von Milton Friedman beraten. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften1 steht den Lehren von Hayeck nah. Die Chicagoer-Schule, die Friedman inhaltlich prägt, sieht ein minimales Eingreifen des Staates vor und setzt auf den freien Markt zur Kontrolle der Wirtschaft. Ausgehend von der Maxime Friedmans äußert Reagan am 20. Januar 1981: „Der Staat ist nicht die Lösung unseres Problems, der Staat ist das Problem.“2

Durch Hayeck angeregt und Friedman beraten, geht das Bündnis Thatcher und Reagan davon aus, dass eine grundlegende Modernisierung drei Bedingungen voraussetzt. Für sie erfordert eine Modernisierung erstens die Dereglementierung, zweitens die Privatisierung und drittens das ‚Entstauben‘ von Gesetzestexten, besonders von Arbeitsrechten. Beide nehmen an, dass das Geld der Reichen bei Bedürftigen ankommen würde und sich der deregulierte Markt von selbst regeln würde.3 Adam Smith‘ „Fiktion“4 beziehungsweise Fiktions- und Vertrauenswert einer unsichtbaren Hand „zur Analyse des Wirtschaftslebens und der Marktvorgänge“5 entwickelt sich bei Thatcher und Reagan nach und nach zum Regelspiel.

 

Nach allen Regeln der Kunst: Geldpolitik

1987 ernennt Reagan den Wirtschaftswissenschaftler Alan Greenspan, ein Befürworter Friedmans, zum Vorsitzenden der U.S.-Notenbank. Greenspan wird von allen nachfolgenden Präsidenten, die da George Bush, Bill Clinton und George W. Bush wären, bestätigt. Wie Friedman ist Greenspan der Ansicht, dass die Märkte nicht eingeengt werden dürften6. Für ihn ist eine Kontrolle des Handels mit Derivaten unnötig, sofern der Handel privat von Spezialisten abgewickelt werden würde. Marktregulationen seien für die Erhöhung des Lebensstandards hinderlich. Unangemessene oder illegale Handlungen seien in keinem System ausschließbar.7

Die staatliche Regulierung von Märkten lehnt Greenspan außerdem mit der Begründung ab, dass Geldpolitik keine Wissenschaft, sondern Kunst sei8. Die Kunst der Geldpolitik könne nicht langfristigen Regeln folgen, sondern müsse situationsgebunden sein (hier sei an das Anwendungsprinzip „Erkenne die Situation!“ erinnert). Langfristige und transparente Regeln hält Greenspan deshalb für unangebracht. Seiner Ansicht nach ist die Wirtschaft ein kompliziertes Gebilde. Das unterliege dauernden Veränderungen. Grund dafür seien die wenig stabilen Beziehungen zwischen ökonomischen Größen.9 Die Finanzwirtschaft koppelt sich infolge kurzfristiger und intransparenter Regeln rasch von der sogenannten Realwirtschaft ab. In einer Finanzsphäre ohne Bezug zu den Notwendigkeiten von Wirtschaft und Warenproduktion mündet die Abkoppelung in der sogenannten Casinowirtschaft. Die globale Marktwirtschaft ermöglicht in diesem Rahmen Spekulationen, die mehr mit einer Lotterie10 als mit den Realitäten der Wirtschaft gemein haben. Vorbehalte bauen unter anderem der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, U.S.-Präsident Obama, der EU-Handelskommissar Peter Mandelson, der Bankier Rolf Breuer sowie Unternehmensvorsitzende und Unternehmensverbände mit der Win-Win11-Formel ab.12

 

Auf Kredit

Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital kehrt sich um. Der Markt befreit sich in den späten 1970 Jahren von der staatlichen Regulierung13. Im Wettbewerb um den Verbraucher wird der Niedrigpreis als Win-Win dargestellt. Das kurzfristig gedachte Kapital führt aber zur Auslagerung und Entindustrialisierung. Der Durchschnittslohn des Verbrauchers stagniert, während die Gewinne der Aktionäre und der Marktwirtschaft steigen. Um die Nachfrage und die Kaufkraft des Verbrauchers zugunsten des Wirtschaftswachstums exponentiell zu steigern,14 wird das Regelspiel verändert. Zugunsten des Wirtschaftswachstums als (Fiktions-)Wertgeber,15 nehmen Vorsichtsmaßnahmen ab. Teile der Regeln, die sich auf die Verschuldung beziehen, werden außer Kraft gesetzt. Amerikaner mit geringem Einkommen werden beispielsweise davon überzeugt, ihr Haus auf Kredit zu kaufen. Im Rahmen seiner zweiten Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2004 plädiert Bush16 im Sinne des Thatcherismus für eine „Ownership Society“ [Gesellschaft von Eigentümern]: „Ein weiteres Ziel ist eine Gesellschaft von Hausbesitzern. Weil Eigentum Sicherheit, Würde und Unabhängigkeit bedeutet. Dank unserer Politik ist der Hausbesitz in den USA auf einem Höchststand.“17 Auch der neoliberale französische Staatspräsident Sarkozy spricht sich am 14. September 2006 für die Bonitätsaufweichung aus. Für ihn ist es ungerecht, all jene vom Kreditmarkt fernzuhalten, bei denen nicht sicher ist, ob sie über ein ausreichendes Einkommen verfügen. Aus diesem Grund spricht er sich für den Bruch mit dieser Tradition aus. Für ihn bedeutet die persönliche Bürgschaft, „dass man für einen Kredit Beziehungen braucht“, was inakzeptabel sei.18

 

Verschuldung

Gegner der Bonitätsaufweichung wie Joseph Stiglitz in den USA (welcher 2001 mit George Akerlof und Michael Spence für die Forschungen zur Spieltheorie über asymmetrische Informationen mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet wird19) oder Jean Peyrelevade in Europa werden als „Spielverderber“ abgetan.20 Das ändert sich ab 2007, als die USA und Europa von der Krise eingeholt werden. Wie die erwähnte Bonitätsaufweichung die Krise21 begünstigt, möchte ich im Folgenden vereinfacht am Beispiel des amerikanischen Kreditnehmers darlegen:

Provisionsabhängige Agenten vermitteln Bankkredite an insolvente Amerikaner. In der Annahme ihren Kredit zurückzahlen zu können, kaufen die ein Haus. Als Deckung für den Kredit dient ihnen eine Hypothek auf das Haus, weil vorausgesetzt wird, dass der Wert des Hauses in einer spekulativen Wirtschaft steigt. Um die riskanten Außenstände aufzuteilen, werden die Schulden in komplexe Finanzprodukte verbrieft. Gleichzeitig schließen die Bänker Versicherungen ab oder spekulieren erforderlichenfalls gegen ihre eigenen Produkte und Versicherungen, um sich vor einem Ausfall zu schützen. Die Präventivmaßnahme zur Risikominimierung führt zu einer Gewinnausschüttung, selbst wenn der Wert ihrer Papiere ins Bodenlose stürzt.22

Aus der privaten Verschuldung wird durch einen „Taschenspielertrick“ eine öffentliche Verschuldung. Der Taschenspielertrick funktioniert wie folgt. Der Staat erhöht die Steuern oder/und kürzt die Sozialmaßnahmen. Beides begünstigt die Insolvenz und die private Verschuldung des Bürgers. Aktuell [Stand: 2012] bekommen das Länder wie Island, Irland, Griechenland, Portugal oder Spanien – mit ohnehin angespannten öffentlichen Finanzen – zu spüren. Die Spekulationen von Banken mündet für Bürger in einschneidende Sparprogramme. Die Geldinstitute werden indes durch öffentliche Mittel bezuschusst, was ihnen hilft, ihre Kreditwürdigkeit untereinander herzustellen. Das treibt die Staatsschulden in die Höhe. Finanziell durch öffentliche Gelder „ausgepolstert“ leihen Staaten gegen einen hohen Zinssatz anderen Staaten [wie etwa Griechenland] Geld, das sie sich zu günstigen Zinssätzen von der europäischen Zentralbank geliehen haben. Die Folge sind Unruhen oder Proteste der Bevölkerung. Die richten sich erstens gegen die einschneidenden Sparprogramme, Sparprogramme, die von Vertretern des Internationalen Währungsfonds, der europäischen Kommission und der europäischen Zentralbank gefordert werden. Zweitens wenden sich die Proteste gegen die zunehmende Privatisierung23. Die Privatisierung bedingt nämlich Prekarität und somit die soziopolitische Unsichtbarkeit Betroffener. So wird ab 2007 das Leben und Wohnen im Auto in Anbetracht der geplatzten Immobilienblase in den USA zum verbreiteten Phänomen. Durch den Verlust der Arbeitsstelle oder durch das Un-Vermögen die Immobilienraten bezahlen zu können, verlieren Menschen ihr Haus an die Bank. Deshalb verlagern sie ihren Wohnsitz in eine befahrbare Behausung. Über den Blog „BoingBoing“ kann man deshalb auf Einträge beim Social News Aggregator „Reddit“ stoßen, die wie folgt klingen: „Ich bin 25. Meine Ehe ist gerade zu Ende gegangen, ich habe keinen Job und lebe aus meinem Auto.“24 In dem Eintrag gibt der Betroffene ohne jede falsche Beschönigung, aber auch ohne falsche Scham realistische und lebensnahe Tipps, wie man sich das Leben im Auto trotz allem so angenehm wie möglich gestalten kann.25 In Paris bietet sich ein ähnliches Bild. Mit der Finanzkrise sind die Preise auf dem Pariser Wohnungsmarkt explodiert. Eine Wohnung ist für Insolvente oder Geringverdiener wegen Mieterhöhungen, steigender Lebenshaltungskosten und prekärer Arbeitsbedingungen (wie etwa befristete Arbeit) nicht mehr in der französischen Hauptstadt finanzierbar. Ihr Gehalt genügt nicht, um eine Wohnung bezahlen zu können. Deshalb übernachten manche im Auto oder im Wohnwagen und parken im Stadtwald von Vincennes vor den Toren von Paris. Um das Gesicht des Kapitals zu wahren, sanktioniert die Polizei und Präfektur von Vincennes Mittellose durch die ordnungspolitische Maßnahme eines Strafzettels, dessen Zahlung die Mittellosen kaum gewährleisten können26. Folgen der räumlichen Abdrängung durch die deregulierte ultra-liberale Marktwirtschaft sind Wohnungslosigkeit, fehlender Wohnraum für Haushalte mit niedrigen Einkommen und spekulativer Wohnungsleerstand.27

 

Das Spielfeld räumen

Die Risiken, die aus der deregulierten ultra-liberalen Marktwirtschaft und der Wirtschaftskrise erwachsen, sind vielfältig. Neben der bereits eingetretenen Prekarität könnte die Privatisierung zum verstärkten Malling28, zum Gating29 und schließlich zur Zusammenbindung von Gating und Malling in Privatopia30 führen. Durch die Privatisierung könnte es, wie in der Grafschaft Lincolnshire, zur Teilprivatisierung der Polizei31 kommen oder, wie in Belgien, zum Versuch, Arbeitskämpfe mit bewaffneten Securitykräften zu beenden32. Die Wirtschaftskrise gepaart mit Politikverdrossenheit könnte überdies im Bonarpatismus münden, das heißt in einer Hinwendung zu einer autoritären Politik.

Zusammenfassend ist diesbezüglich festzuhalten, dass der Staat – aus der deregulierten ultra-liberalen Marktwirtschaft resultierend – als Regulationsinstanz das Spielfeld räumt(e). Der demokratische Sozialismus (etwa in Form des Wohlfahrtstaates) gerät mit dem räumen des Spielfelds ins Aus. Die These stützt eine empirische Erhebung des „Wissenschaftszentrums Berlins für Sozialforschung“33. Laut der Erhebung steigen Menschen mit niedrigem Einkommen immer häufiger sozial ab. Die Demokratisierung (des Konsums) – so meine Hypothese, die ich im Folgenden stützen möchte – entspricht deshalb eher einem Mythos und bedingt urbane „soziale Verwahrlosung“.

1 Friedman erhält den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 1976.

2 Zitat nach ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

3 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

4 Arendt, Hannah (2013): Zweites Kapitel: Der Raum des Öffentlichen und der Bereich des Privaten. 6 Das Entstehen der Gesellschaft. In: ders. (Hrsg.): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper Verlag GmbH, S. 56 [Orig.: The Human Condition, University of Chicago Press, Chicago 1958].

5 Arendt, Hannah (2013): Fünftes Kapitel: Das Handeln. 25 Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten und die in ihm dargestellten Geschichten. In: ders. (Hrsg.): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper Verlag GmbH, S. 230 [Orig.: The Human Condition, University of Chicago Press, Chicago 1958].

6 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

7 ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

8 Vgl. Braunberger, Gerald (2005): Alan Greenspan. Der Magier der Geldpolitik. In: Werner D’Inka et al. (Hrsg.): Frankfurter Allgemeine Zeitung 42, 23. Oktober 2005, S. 54. URL: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/alan-greenspan-der-magier-der-geldpolitik-1281071.html [Stand: 25. Februar 2012].

9 Vgl. Braunberger 2005 auf faz.net.

10 Der Begriff Lotterie leitet sich aus dem italienischen lotto und dem französischen lot ab. Übersetzt bedeutet er so viel wie „Anteil, Los, Schicksal“. Bei Lotto handelt es sich um ein Glücksspiel, bei dem es sich in Deutschland auf eine Gewinnchance von ungefähr 1:14 Millionen beläuft (Vgl. o. A. (2012): Wahrscheinlichkeit vom Lottogewinn. Wie wahrscheinlich ist es den Jackpot zu knacken? URL: http://www.gewinnspiel-gewinner.de/tipps/ lotterie/Wahrscheinlichkeit-vom-Lottogewinn-46.html [Stand: 27. Februar 2012].).

11 Bei der Win-Win-Formel handelt es sich um eine sogenannte Doppelsieg-Strategie. Das Ziel stellt ein Interessenausgleich der beteiligten Parteien dar. Dafür formuliert jeder Verhandlungspartner vor Beginn der Gesprächsführung(en) seine eigenen Interessen. Im Sinn des positiven Interessenausgleichs werden während der Verhandlung(en) die Interessen des Partners gleichwertig behandelt. In der Spieltheorie als Minimax-Prinzip bekannt, richtet sich die Strategie rein theoretisch nach langfristigem Erfolg aus, anstatt kurzfristigem Gewinn.

12 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

13 Die Hypothese wird im Abschnitt „Re: Fwd: Urbane soziale Verwahrlosung“ näher besprochen.

14 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

15 Vgl. Taureck, Bernhard H. F. (2011): Die Freiheit der Metaphern und ihre Manipulation. URL: http://gleichklangpolitik.com/2011/05/11/die-freiheit-der-metaphern-und-ihre-manipulation-von-bernhard-h-f-taureck/, 11. Mai 2011, [Stand: 28. Februar 2012].

16 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

17 Zitat nach ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

18 Zitat nach ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

19 Vgl. Diekmann, Andreas (2009): Einleitung. In: ders. (Hrsg.): Spieltheorie. Einführung, Beispiele, Experimente. Reinbek: Rowohlt Verlag, S. 19.

20 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

21 Der Begriff Krise entlehnt sich im deutschen aus dem griechischen Krisis. Der ursprünglich medizinische Ausdruck umreißt eine Zeit, in der sich entscheidet, ob der Zustand eines Kranken zur Gesundung oder Verschlimmerung tendiert (Vgl. Taureck, Bernhard H. F. (2009): Wachstum über alles – Die Karriere einer Metapher. In: Südwestrundfunk. SWR2 Aula – Manuskriptdienst (Hrsg.): Wachstum über alles – Die Karriere einer Metapher. Redaktion: Ralf Caspary. Sendung vom 24. Mai 2009 auf swr.de. URL: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen//id=4737462/property=download/nid=660374/pj46hw/swr2-wissen-20090524.pdf [Stand: 28. Februar 2012]).

22 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

23 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

24 Im Original lautet das Zitat: “I’ m 25. My marriage just ended, I have no job and am living out of my car.” (o. A. 2011 auf URL: http://www.reddit.com/r/reddit.com/comments/byaac/im_25_ my_marriage_just_ ended_i_have_no_job_and_am/c0p5qkh [Stand 28. Februar 2012]).

25 Vgl. o. A. 2011 auf URL: http://www.reddit.com/r/reddit.com/comments/byaac/im_ 25_my_marriage_just_ ended_i_have_no_job_and_am/c0p5qkh [Stand 28. Februar 2012].

26 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

27 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

28 Beim Malling handelt es sich um die zunehmende Ausbreitung von Geschäfts- und Konsumkomplexen (Vgl. Lichtenberger, Elisabeth (1999): Die Privatisierung des öffentlichen Raumes in den USA. In: Weber G. (Hg.). Raummuster – Planerstoff. Festschrift für Fritz Kastner zum 85. Geburtstag. Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung der BOKU, Wien: 29-39, S. 2. URL: http://www.öaw.at/mitglieder/lichtenberger/pdf/KASTNER_Nr.230.pdf [Stand: 28. Februar 2012].).

29 Gating bezeichnet die Privatisierung des öffentlichen Raumes, die langfristig zu Gated Communities und Walled Cities führen könnte (Vgl. Lichtenberger 1999, S. 2).

30 Der Begriff Privatopia bezeichnet eine nach Lebensstilen abgestufte postindustrielle Gesellschaft, die bestrebt ist, sich mittels „privater Lokalbehörden“ legistisch administrativ zu emanzipieren (Vgl. Lichtenberger 1999, S. 2).

31 Vgl. Oldag, Andreas (2012): Bobby ganz privat. Licolnshire privatisiert Teile der Polizei. Die Grafschaft wird zum Testfall für ganz Großbritannien. In: Ebner, Eberhard et al. (Hrsg.): Süddeutsche Zeitung 38, 15 Februar 2012, 19. München: Süddeutscher Verlag., S. 19.

32 Wie das ARTE Journal berichtete, schickte die Unternehmensleitung eines deutschen Automobilzulieferers und Metallverarbeiters Sicherheitsleute in ihre belgische Tochterfirma, um den Arbeitskampf von Mitarbeitern zu beenden, die den Abtransport von 20.000 Teilen blockierten, aus Angst vor der Auslagerung ihrer Produktion (Vgl. ARTE Journal vom 28.02.2012. URL: http://www.arte.tv/de/6322314.html [Stand: 28. Februar 2012]).

33 Der Artikel „Arm, ärmer, am ärmsten Menschen mit niedrigen Einkommen steigen immer häufiger ab“, ist auf URL: http://www.wzb.eu/sites/default/files/publikationen/wzb _mitteilungen/wm134_gesamt.pdf einsehbar (Vgl. Ehler, Martin/ Heisig, Jan Paul: Arm, ärmer, am ärmsten Menschen mit niedrigen Einkommen steigen immer häufiger ab. In: Allmendinger, Jutta (Hrsg.): Ungleichheit. Das Drinnen und das Draußen der Gesellschaft. WZB Mitteilungen 134, 12/2011, 7 ff. [Stand 1. März 2012]).

Re: Fwd: Urbane soziale Verwahrlosung

Die Aushöhlung der (Konsum-) Demokratisierung, lässt sich zunächst sowohl mittels der offiziellen Stadtseiten als auch mittels der Einkaufszentren-Seiten im Internet belegen. Laut Prof. Dr. Marc Ries, verweigern sich die um Repräsentation und Anweisungen bemühten Webseiten partizipativen Dimension des Netzes. Weder Politiker und Beamte noch privatisierte Konsumeinrichtungen sind bereit, in eine diskursive und öffentliche Auseinandersetzung mit dem Bürger, den Vereinen und Initiativen zu treten,1 so Ries. Der Verbraucher der neoliberalen westlichen Industrieländer besitzt die Wahl des Konsumguts als Mittel zum Zweck und die Wahl der Handlungsfreiheit beim Urnengang. Die repräsentative Demokratie als formaler Aspekt der Freiheit lässt in dem Fallbeispiel der medialen Schnittstellen aber keine tatsächliche Beteiligungsdemokratie (Claus Leggewie) zu. Dabei versprachen die neuen Kommunikationstechnologien, die sich zeitgleich mit dem Durchmarsch der ultra-liberalen revolutionierte, das2. Womit Theorien, die sich auf die Demokratisierung (des Konsums) stützen, in Frage zu stellen sind. Einen weiteren infrage zu stellenden Teilaspekt der Demokratisierung des Konsums bilden die privatisierten themenparkähnlichen öffentlichen Räume, in denen das Hausrecht des jeweiligen Verwalters oder (Geschäfts-)Besitzers gilt. Wie Olaf Berger und Andreas Schmalfeld feststellen, erlaubt das Hausrecht störende Personen, die den Aufenthalt und das „Erlebnis“ derjenigen beeinträchtigen, „die durch ihre Umsätze für die notwendige Rentabilität dieser Räume sorgen“3, am Einlass durch die Polizei oder private Sicherheitsfirmen zu hindern oder des Gebäudes zu verweisen. Nach der Geografin Elisabeth Lichtenberger sind soziale und politische Aktionen in Gebäuden mit Innenwendung untersagt, was die Annahme eines passiven Konsumenten seitens der Betreiber einbegreift,4 „die ein Kaleidoskop von Bildern und Impressionen als ‚stilisierte Version des Karnevals‘“5 oder des Themenparks erhalten wollen (hier möchte ich auf die Uniformierung beziehungsweise die „Kostüme“ der Sicherheitsleute, der Reinigungskräfte oder der Angestellten aufmerksam machen). Die definierte Mischung von Geschäften, Gestaltungselementen und Klientel bündelt Aktivitäten, die zuvor in einem größeren Areal zerstreut waren.6 Dass Margaret Morse in ihrem Beitrag „An Ontology of Everyday Distraction: The Freeway, the Mall, and Television“ aus dem Jahr 1990 die kontrollierten Einrichtungen mit Innenwendung in Beziehung zum Panoptismus setzt, liegt nahe. Um Störungsfreien Konsum zu garantieren, werden Präventivmaßnahmen vorgenommen und Aktivitäten gezielt zentralisiert. Auf das Konzept des Malling übertragen bedeutet der Panoptismus die ständige Sichtbarkeit des Konsumenten, der vereinzelt wird.7 Einer gedrängten und ruhelosen Masse wird durch die unterschiedlichen Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen entgegengewirkt. Wie bei Benthams Panopticon wird das Paar Sehen und Gesehen-Werden geschieden,8 indem sich die radiale Sichtbarkeit und Überwachung möglichst uneinsehbar beziehungsweise diskret gestaltet.9 Der Konsument wird gesehen, ohne beispielsweise die Überwachungsinstanzen zu sehen. Die Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes stellt beim Konsumenten das automatische Funktionieren der automatisierten und entindividualisierten Macht sicher,10 in diesem Fall der Eigentümer. Das Prinzip der Macht basiert in einer „konzentrierten Anordnung von Körpern, Oberflächen, Lichtern und Blicken;“11. Das panoptische Konzept der privaten, parzellierenden „Bunkerarchitektur“12 führt zur (un-)bewussten Verinnerlichung des Beobachtetseins und der dazugehörigen Machtverhältnisse beim Konsumenten. „Die Macht wird tendenziell unkörperlich und je mehr sie sich diesem Grenzwert annähert, um so beständiger, tiefer, endgültiger und anpassungsfähiger werden ihre Wirkungen“13 resümiert Foucault in „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“. Bei den kontrollierten und privatisierten Konsumeinrichtungen mit Innenwendung handelt es sich um eine Form des maskierten Panoptismus, der dem Kapital ein Gesicht verleiht und zugleich den Ausdruck des Heiligen in einer säkularisierten Gesellschaft bewahrt. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass die Strategien, um Ausgrenzung unsichtbar zu machen, in einer Gesellschaft, für die das Sichtbare zählt, immer raffinierter und subtiler werden. Für die Raumforscherin Elisabeth Lichtenberger sind die geschlossenen Konsum- und Geschäftskomplexe entsprechend Repräsentanten „einer privatwirtschaftlich organisierten und kontrollierten Konsumklasse der Bevölkerung, welche alle unerwünschten Elemente an den öffentlichen Raum zurückverweist“14. Die Inklusionsform der Moderne, bringt „eine spezifische Form der Unsichtbarkeit hervor, die sich in der strukturellen Fremdheit der Stadtbewohner untereinander ausdrückt“15. Die Grundambivalenz der privatwirtschaftlich geschaffenen Großräume, zu denen auch Stadien und Parks zählen, beruht auf einem Nebeneinander, das ein Miteinander in der Teilnahme, der Teilhabe und der Koinzidenz ablehnt. Ängste und Phobien des verinnerlichten panoptischen Konzepts zeichnen sich in sozio-architekturalen Extremfiguren der Gated Communities einerseits ab und der Slums als städtische Wohnkulissen andererseits.16

 

Abseits der Standortpolitik

Die Einfriedung und Ummauerung der Gemeinden setzt in den späten 1980er Jahren ein17 und löst die räumliche Zentrum-Peripherie-Struktur der Städte durch kleinteilig polarisierte Gebiete ab. Das mehrfach geteilte Raumgebiet gleicht somit einem Mosaik oder Leopardenfell18. Der Vorgang, der in den amerikanischen Metropolitan Areas seinen Anfang nahm, setzt mehrere Bedingungen voraus, die sich wechselweise verstärken. Dabei handelt es sich erstens um die legistischen Grundlagen für die Schaffung von privatwirtschaftlichen territorialen Organisationsformen, zweitens um die Effekte des Marktes, drittens um die Fragmentierung der Lebensstile sowie viertens um die individuellen Bedürfnisse, deren Spannweite sich zwischen Exklusivität und Sicherheit vor Kriminalität bewegt.19 Die Erfolgsgruppe der „global player“ und „Lebensstiltypen“ wird auf der offiziellen Hauptbühne in die Standortpolitik durch Bedarfsgestaltung eingespannt. Sie stellen gewissermaßen die Gewinner des „sozialen Spiels“ dar. Die Stadtpolitik der „ersten“ Stadt besteht in der Verdrängung von Verarmungsprozessen, die in der „dritten“ Stadt hinter den Kulissen stattfinden.20 Dieser Prozess bedingt eine Unsichtbarkeit im Sinne einer Unerfahrbarkeit, die Unwissen als eine Bruchstelle bedeutet.21 Die räumliche Entzweiung erhöht sich durch die Einschränkung der sozialen Gruppen aus der „dritten“ Stadt, sich den Raum der „ersten“ Stadt anzueignen.22 Der verloren gegangene Moment der Aneignung vertieft die soziale Trennung. Die mangelnden sozialen, kulturellen und finanziellen Ressourcen der „dritten Stadt“ unterbinden nachhaltig Partizipations- als auch Entwicklungschancen und grenzen langfristig aus.23 Das wird durch eine ordnungspolitische anstatt sozialpädagogische Reaktion verstärkt. Werden Regelabweichungen ordnungspolitisch zur Anzeige gebracht, werden diese kriminalisiert24. Die Weltwirtschaftskrise wird mit abnehmenden (Spiel-)Raum für sozial Verwahrloste“ zur Sozialkrise. Die unsichtbare Hand schafft soziopolitische Unsichtbarkeit. Auch das Paradox des Wirtschaftswachstums trägt dazu bei.

1 Vgl. Ries, Marc (2005): Überlegungen zu einer Kartographie des Unsichtbaren. Stadterfahrung und Internet. URL: http://www.marcries.net/publikationen/ detail/8/#n2 [Stand: 04. März 2012].

2 Die Allgegenwart erfüllt sich lediglich in der Entgrenzung von Arbeit und Privatheit.

3 Berger, Olaf/ Schmalfeld, Andreas (1999): Stadtentwicklung in Hamburg zwischen ‚Unternehmen Hamburg‘ und ‚Sozialer Großstadtstrategie‘. In: Dangschat, Jens S. (Hrsg.): Modernisierte Stadt – Gespaltene Gesellschaft: Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung. Opladen: Leske + Budrich, S. 325.

4 Vgl. Lichtenberger, Elisabeth (1999): Die Privatisierung des öffentlichen Raumes in den USA. In: Weber G. (Hrsg.): Raummuster – Planerstoff. Festschrift für Fritz Kastner zum 85. Geburtstag. Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung der BOKU, Wien: 29-39, S. 2 f.. URL: http://www.öaw.at/mitglieder/lichtenberger/pdf/KASTNER_Nr.230.pdf [Stand: 28. Februar 2012].

5 Lichtenberger 1999, S. 2.

6 Vgl. Lichtenberger 1999, S. 2.

7 Vgl. Foucault, Michel (1994): 3. Der Panoptismus. In: ders. (Hrsg.): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Ins Deutsche übersetzt von Walter Seitter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, S. 257 [Orig.: Surveiller et punir. La naissance de la prison. Editions Gallimard, 1. Auflage 1975].

8 Vgl. Foucault 1994, S. 259.

9 Vgl. Foucault 1994, S. 258.

10 Vgl. Foucault 1994, S. 263.

11 Foucault 1994, S. 259.

12 Lichtenberger 1999, S. 3.

13 Foucault 1994, S. 260 f.

14 Lichtenberger 1999, S. 3.

15 Nassehi, Armin (2002): Dichte Räume. Städte als Synchronisations- und Inklusionsmaschinen. In: Löw, Martina (Hrsg.): Differenzierungen des Städtischen. Opladen: Leske + Budrich, S. 228.

16 Vgl. Ries 2005 auf marcries.net.

17 Vgl. Lichtenberger 1999, S. 3.

18 Vgl. Berger/Schmalfeld, S. 317.

19 Vgl. Lichtenberger 1999, S. 3.

20 Vgl. Reutlinger, Christian Thomas (2001): 2.4.3 Gespaltene Stadt: Mithaltedruck, Bewältigung und Unsichtbarkeit. In: ders. (Hrsg.): Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespaltenen Städten. Sozialpädagogik des Jugendraumes aus sozialgeographischer Perspektive. URL: http://webdoc.gwdg.de/ebook/fk/2002/reutlinger/reutlinger.pdf, S. 192, [Stand: 4. März 2012].

21 Vgl. Ries 2005 auf marcries.net.

22 Vgl. Reutlinger, Christian Thomas (2001): 1.5.2 ‚Unternehmerische‘ oder ‚globalisierte‘ vs. ‚überflüssige‘ oder ‚abgehängte‘ Stadt. In: ders. (Hrsg.): Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespaltenen Städten. Sozialpädagogik des Jugendraumes aus sozialgeographischer Perspektive. URL: http://webdoc.gwdg.de/ebook/fk/2002/reutlinger/reutlinger.pdf, S. 105, [Stand: 4. März 2012].

23 Vgl. Reutlinger 2001, S. 107.

24 Vgl. Reutlinger, Christian Thomas (2001): 1.6.1 Probleme der Entfremdungsthese in gespaltenen Städten – der Aneignungsbegriff. In: ders. (Hrsg.): Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespaltenen Städten. Sozialpädagogik des Jugendraumes aus sozialgeographischer Perspektive. URL: http://webdoc.gwdg.de/ebook/fk/2002/reutlinger/reutlinger.pdf, S. 112, [Stand: 4. März 2012].

Das Paradox des Wirtschaftswachstums

Denn neben der Privatisierung suchen die Finanzmassen, die weltweit durch die Deregulierung und durch die Loslösung der Kapitalmärkte von der Realwirtschaft entstanden sind, sich neue Ziele. Zu den Zielen zählen (nicht) erneuerbare Energien und Bodenressourcen wie Erze oder die sogenannten seltenen Erden. Es werden aber auch Lebensmittelspekulationen vorgenommen, die zu Preissteigerungen und -stürzen führen könnten.1 Hier offenbart sich das Paradox des Wirtschaftswachstums, das einerseits auf einer Cowboy-Ökonomie (Kenneth Boulding) im Sinne eines exponentiell grenzenlosen Wachstums und andererseits auf endlichen Ressourcen fußt. Als ein der Biologie zugeordneter Begriff erscheint das Wachstum als ein Naturgesetz, aber wie meine vorangegangene Erläuterung zur deregulierten ultra-liberalen Marktwirtschaft aufzeigt, verläuft das Wirtschaftswachstum unnatürlich. Ein Indiz dafür ist die „geplante Obsoleszenz“. Dabei handelt es sich um eine Strategie, die den Produktlebenszyklus künstlich verkürzt. Übermäßige Kosten lassen eine Reparatur des Produkts häufig gegenstandslos erscheinen. Das veranlasst oft zum Neukauf einer Ware und fördert somit die sogenannte „Verschwendungs- und Wegwerfgesellschaft“. Die „geplante Obsoleszenz“ sollte in den 1930iger Jahren ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital schaffen. Die Begrifflichkeit wurde vom Amerikaner Bernard London geprägt. In den 1930er Jahren sollen Kartelle, wie das „Phoebus Kartell“, und in der Nachkriegszeit Designer wie Brook Stevens zur Umsetzung der „geplanten Obsoleszenz“ beigetragen haben. In dieser Zeit (ab den 1950er Jahren) entstand in der westlichen Welt auch die paradoxe Metapher des Wirtschaftswachstums.2

1 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

2 Vgl. ARTE (2011): Kaufen für die Müllhalde. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 25. Februar 2011. URL: http://www.youtube.com/watch? v=tI798T2tRrQ [Stand: 28. Februar 2012].

Schlussbetrachtung

Wie könnte dem Paradox des Wirtschaftswachstums begegnet werden, um Umweltschutz, Lebensqualität als Recht für alle, ein „Leben in Mitmenschlichkeit und Weltverbundenheit“1 konkret umzusetzen? Der ehemalige französische Außenminister Hubert Védrine, der „Parti socialiste“, schlägt etwa vor, vom BIP (Abkürzung für Bruttoinlandsprodukt) alles abzuziehen, was das Kapital aufzehren würde. Angefangen mit dem Kapital, das die Natur darstellen würde. Infolgedessen würde ein NIP (Abkürzung für Nettoinlandsprodukt) erhalten werden. Gelänge es, das NIP zu ermitteln, würden zahlreiche Investitionen und Projekte, die aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht einem rentabel und nützlich vorkommen würden, sich als unbezahlbar entpuppen, so Védrine. Im Gegenzug würden sich Investitionen durchsetzen, die kostspielig und wenig überzeugend erscheinen würden.2

Letztlich wären die nachhaltig und langfristig gedachten Lösungsmöglichkeiten einer Space-Ökonomie notwendig, um Lebensqualität als Recht für alle zu ermöglichen. Die Qualität des „sozialen Spieles“ sollte nicht dauerhaft auf der asymmetrischen neoliberalen Steigerung der Stärke, der Macht, des Status und Konsums fußen. Ansonsten würde das rein agonale Spiel – der „Gewinner“ einerseits und der „Verlierer“ andererseits, die aufgrund des strikten Sparprogramms, zunehmend der sozialen Verwahrlosung“ und Diskriminierung ausgesetzt sind – in der Agonie münden. Das Ergebnis derThe-winner-takes-it-all-Mentalität“ wäre, dass entweder beidseitig die Regeln und die Rangordnungen abgelehnt würden und/ oder ein Bonarpatismus. Wäre das Spiel vorbei, im Sinne von „Game Over“, würde sich das „Aus“ des Spiels nicht auf eine Partie, sondern auf die Spielart einer gesamten Lebensform erstrecken.3 Wie der Diplomat Stéphane Hessel nämlich feststellt, gefährdet die „Diktatur der Finanzmärkte“ den Frieden und die (sozialistische) Demokratie.4 Aber möglicherweise bedingt die aus der neoliberalen Wirtschaft entstandene Wirtschaftskrise einen Erkenntnisprozess, der zu langfristig und nachhaltig gedachten Lösungsansätzen anregt, denn wie Claude Lévi-Strauss bemerkte:

Nur wenn wir pessimistisch sind, werden uns die Gefahren bewusst, die uns bedrohen. Und nur dann werden wir den Mut zu den nötigen Lösungen haben. Und erst dann können wir vielleicht anfangen, eine gewisse, bescheidene Dosis Optimismus zu entwickeln.“5

Um mitunter „sozialer Verwahrlosung“ und soziopolitischer Unsichtbarkeit entgegenzuwirken, bedürfte es verschiedener Lösungen, um jedem Lebensqualität zu gewährleisten. Gemeinnützige Organisationen bedürften der staatlichen Subventionierung. Denn die Rettung von Banken auf Staatskosten verhält sich agonal zu Kürzungen, die die Regierung bei den Sozialbudgets vornahm. Wenn die Diskussionen auf Defizite und Sparsamkeit begrenzt werden, bietet sich für Viele keine Zukunftsperspektive. Grund dafür sind fehlende Entwicklungsmöglichkeiten, Mitmenschlichkeit (Einfühlungsvermögen) und Weltverbundenheit6. Den Kindern und Jugendlichen sollte barrierefreie Erziehung – ohne Diskriminierung – zukommen. Aber auch „ein Ruhestand, der den Arbeitnehmern ein Altern in Würde gestattet“7 müsste ermöglicht werden, um der Altersarmut entgegenzuwirken. Überdies bedürfte es des Niederreißens symbolischer Mauern durch die Verabschiedung einer (panoptischen) Sicherheitsgesellschaft. Um ein faires „soziales Spiel“ miteinander sicherzustellen wären unter anderem Artikel 15 („Jeder hat das Recht auf Staatsangehörigkeit“8) und Artikel 22 („Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“9) der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ grundlegende Menschheitsaufgaben, die vor uns allen liegen und die es erlauben würden, gesamtgesellschaftlich von Entwicklungs- und Partizipationsmöglichkeiten zu sprechen.

1 Hessel, Stéphane/ Morin, Edgar (2012): Wiederstand kommt aus Empörung. In: ders. (Hrsg.): Wege der Hoffnung. Ins Deutsche übersetzt von Michael Kogon. Berlin: Ullstein Buchverlag GmbH, S. 10 [Orig.: Le chemin de l‘espérance. Librairie Arthème Fayard. 1. Auflage 2011].

2 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

3 Vgl. Renn, Joachim: Gesellschaftsspiele. Vom strategischen zum kooperativen Umgang mit sozialen Regeln. In: Lars Allolio-Näcke et al. (Hrsg.): Psychologie & Gesellschaftskritik. Soziales.Spiel 125, 1/2008. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 36.

4 Hessel, Stéphane: Wiederstand kommt aus Empörung. In: ders. (Hrsg.): Empört Euch! Ins Deutsche übersetzt von Michael Kogon. Berlin: Ullstein Buchverlag GmbH, S. 10 [Orig.: Indignez-vous! Indigène éditions Montpellier 1. Auflage 2010].

5 Vgl. ARTE (2012): Zukunftsvisionen. Die Welt des Hubert Védrine. Erstausstrahlungstermin der Sendung: 21. Februar 2012. URL: http://videos.arte.tv/de/videos/zukunftsvisionen-6405774.html# [Stand: 25. Februar 2012].

6 Vgl. Hessel, Stéphane/ Morin, Edgar (2012): Wiederstand kommt aus Empörung. In: ders. (Hrsg.): Wege der Hoffnung. Ins Deutsche übersetzt von Michael Kogon. Berlin: Ullstein Buchverlag GmbH, S. 10 [Orig.: Le chemin de l‘espérance. Librairie Arthème Fayard. 1. Auflage 2011].

7 Hessel 2010, S. 8.

8 Hessel, Stéphane (2010): Das schlimmste ist die Gleichgültigkeit. In: ders. (Hrsg.): Empört Euch! Ins Deutsche übersetzt von Michael Kogon. Berlin: Ullstein Buchverlag GmbH, S. 14 [Orig.: Indignez-vous! Indigène éditions Montpellier 1. Auflage 2010].

9 Hessel 2010, S. 14 f.