Fragestellung und Forschungsinteressen

Digitale Barrierefreiheit durch Gemeinfreiheit und Schwarmfinanzierung?

Meine persönlichen Forschungsinteressen kristallisierten sich langsam nach meinem Masterabschluss im Jahr 2014 heraus. Der Titel meines Vorhabens beruht auf Prof. Dr. Joachim Fiebach der Freien Universität Berlin. Die begriffliche Fülle seines Titels „Digital-Theatrale-Konstruktionen“ treibt mich bis heute wissenschaftlich um und an. Wie lassen sich die drei griffig klingenden Wörter fassbar machen? Sein Vorschlag das Critical Art Ensemble als Vergleichsfolie für Borries‘ urheberrechtsfreie Werke online zu nehmen, verstärkte meine zur Überforderung neigende Herausforderung. Für mich stellte sich die Frage, wie ich der künstlerischen und wissenschaftlichen Fülle unabhängig beikommen könnte. Ohne wissenschaftliche Begleitung und Förderung folgte ein Prozess des Entwerfens und Verwerfens. Universitäre und berufliche Türen, die mir verschlossen blieben, erschloss ich mir über Praktika und Bundesfreiwilligendienste. Mein Praktikum bei einer Agentur, die Buchneuerscheinungen, Theater-, Film- und Fernsehproduktionen vermarktete, gewährte mir Einblicke ins Marketing, in die Presse- und in die Öffentlichkeitsarbeit. Das half mir, meine ersten Schritte als Pressemitarbeiterin beim Deutschen Schwerhörigenbund e. V. zu gehen. Ihre Pressearbeit zur Inklusion und zur Barrierefreiheit regte mich an, über Zugänglichkeit nachzudenken. Wie werden Menschen von der Gesellschaft behindert? Auf welcher Grundlage werden Menschen behindert? Wie können Barrieren gesellschaftlich und wirtschaftlich abgebaut werden? Zur Fördermittelbeschaffung und zur öffentlichen Sensibilisierung dokumentierte ich den Europakongress über Hörminderung für Aktion Mensch. Im Anschluss entwickelte sich meine berufliche Leerlaufphase zur Lehrphase. Ich erlebte persönlich den Unterschied von barrierefreier Inklusion1 zur barrierereichen Integration. Die Frage, wie sozio-ökonomische Barrieren in verschiedenen Bereichen geschafft werden und abgeschafft werden können, wurde durch meine Integrationserfahrungen verstärkt. Ich engagierte mich ein Jahr kulturell für das Allgemeinwohl. An der internationalen Mediathek für Tanz und Theater zeigte mir mein Bundesfreiwilligendienst, wie verschlungen sich die Pfade des Urheberrechts für audiovisuelle Dokumentationen gestalten können. Meine Tätigkeit regte mich an, mein Augenmerk auf urheberrechtlich geschützte Erinnerungsproduktionen zu richten. Ich machte mir Gedanken, ob gemein-/urheberrechtsfreie Werke im Vergleich zu urheberrechtlich geschützten Werken gesellschaftlich und wirtschaftlich barrierefreier sind. Begünstigen gruppenfinanzierte und gemeinfreie Projekte online Gleichheit und Zugänglichkeit?

 

 

Bildung als Produkt autorisierter Erinnerungsproduktion?

Ich fragte mich, wie der französische Philosoph Paul Ricœur, [w]as wird erinnert, wie wird erinnert, wer wird erinnert“2? Was erinnert und wer erinnert woran? Wie wird die Erinnerungsproduktion materiell und finanziell dauerhaft getragen? Was wird an archivarischem Dokumentationsmaterial bewahrt und was wird – im Gegenteil – ‚kassiert‘? Für mich schält Borries filmisch und urheberrechtlich heraus, was Paul Ricœur als theatralenöffentliche[n] Aspekt des Schauspiel(s) im Zuviel an Gedächtnis hier und einem Zuviel an Vergessen dort“3 beschreibt.

Ich schildere nachfolgend drei Beispiele, die zeigen wie unterschiedlich und wie theatral sich Deutungs-, Erinnerungs- und Trauerarbeit gestalten kann. Die tragende und die billigende Rolle des Publikums bei der Inszenierung autorisierter Erinnerungsproduktionen möchte ich auch ins Auge fassen. Was nehme ich für mich als ‚Medienkonsument‘ an Sinnbildung an, was lehne ich eher ab? (1.) Weltweit haben Millionen Menschen ihre Trauer um Apple-Gründer Steve Jobs bekundet. Viele legten Blumen, Briefe an Apple-Filialen ab und zündeten Kerzen an. Trauernde wählten online für ihr Facebook-Profil ein Apple-Logo oder ein Foto von Steve Jobs. Auf Twitter kommunizierten viele Medienkonsumenten ihre Trauer über das Hashtag #thankyousteve oder #iSad.4 Die, für westliche Industriestaaten übliche, Trauerzeremonie gestaltete sich diskret. (2.) Bei Arbeiter:inne:n, die tagtäglich AppleGeräte fertigen, gestaltete sich die Trauer anders. Die Trauer um verstorbene Foxconn-Fabrikarbeiter:innen gleicht eher Susan Sontags Eindruck wie „Das Leiden anderer betrachte[t]wird. In Berichterstattungen aus dem Jahr 2011 wird gezeigt, wie dunkle Rauchschwaden aus den Fenstern des detonierten Fabrikgebäudes strömen. Zu hören ist Stimmengewirr bereits geflüchteter und flüchtender Fabrikarbeiter:innen. In ihren Gesichtern, die von vorn zu sehen sind, zeichnet sich Angst und Schrecken ab. Eine bewusstlose Fabrikarbeiterin wird von einem Sanitäter zügig zum Krankenwagen gebracht und ins Fahrzeug gelegt. Die beschriebenen Aufnahmen sind ein abgeschwächter Eindruck davon, wie die Arbeiter:innen leiden. Diese autorisierte Inszenierung pendelt zwischen Grausamkeit und Faszination, zwischen Appell und Belanglosigkeit. Die 4 verstorbenen und 77 verletzten5 Fabrikarbeiter:innen bleiben in Berichterstattungen im Gegensatz zu Steve Jobs namenlos. Jobs Ableben vergleichsweise aufzuzeichnen, würde als geschmacklos aufgefasst werden. (3.) Im Jahr 2010 sickern bereits die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Foxconn durch. Es wird bekannt, dass sich 18 Fabrikarbeiter:innen aufgrund von Arbeitsbedingungen vom FoxconnGebäude stürzen. Danach sind in Berichten aufgespannte Netze um das Fabrikgebäude zu sehen. Was die Netze verbergen, enthüllen Recherchen von zwei Nichtregierungsorganisationen. Die britische Tageszeitung The Guardian informiert, dass Arbeiter:innen unterzeichnen müssen, dass sie sich während der Arbeit nicht das Leben nehmen wollen. Sollte das entgegen der Vereinbarung trotzdem geschehen, dürfen die Familien nur ein Minimum an Schadensersatz fordern.6 Steve Jobs wird auf der Bühne von einem Interviewer und einer Interviewerin dazu befragt. Er äußert die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen für China seien überdurchschnittlich gut. In seiner Argumentation vergleicht er das FoxconnUnternehmen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und äußert: „Sie haben 400.000 Menschen an diesem Ort. Also sind 13 [Menschen] von 400.000 [Menschen] bisher 26 pro Jahr. Für 400.000 Menschen, oder sagen wir für 7 pro 100.000 Menschen, liegt die Selbstmordrate immer noch unter der US-Selbstmordrate von 11 pro 100.000 Menschen. Aber es ist wirklich beunruhigend.“7 Die Todesrate stützt sich auf irritierende Zahlen, die Zahlen können als ganz sachliche Inszenierung von Geschehnissen seitens Jobs gewertet werden. Nach der Soziologin Wendy Espeland erwecken Messungen den Eindruck – frei von Emotionen darzustellen „was ‚wirklich vor sich geht‘.“ Messungen würden riesige Informationsmengen auf eine leicht verständliche Zahl reduzieren. „[E]ine Einfachheit, die andeutet, dass es nichts zu verbergen gibt, ja, dass nichts verborgen werden kann.“8

 

 

Datenschutz, emanzipatorischer Mediengebrauch und neue Re:Finanzierungsmodelle

Nach meiner zweiten bewerbungs- und forschungsreichen beruflichen Lehrphase leistete ich meinen Bundesfreiwilligendienst im Bereich Kommunikation und Marketing an der Komischen Oper Berlin. Meine Pressearbeit an der Komischen Oper Berlin steigerte mein Interesse an der Steuerung öffentlicher Aufmerksamkeit. Was braucht es für einen Dreh9, um die Interessen der Politiker:innen, der Unternehmer:innen, der Nichtregierungsorganisationen und/oder nicht gewinnorientierten Organisationen mit öffentlichen Interessen zu vereinbaren? Welche Kommunikationsstrategien gibt es on- und offline? Ich lernte etwa Advertorials kennen. Bei Advertorials tarnt sich Unternehmenswerbung als unabhängiger journalistischer Beitrag. In der Platzierung, Gestaltung und Nähe zu unabhängigen redaktionellen Beiträgen heben sich Advertorials und Native Advertising kaum von Berichterstattungen ab. Cambridge Analytica schaltete online gezielt Advertorials10 und Native Advertising – für Trumps Wahlkampfkampagne und für die Brexitkampagne. Das gelang mit Mikrotargeting. Im ersten Schritt musste Zielpublikum für das Mikrotargeting ausgemacht werden. Cambridge Analytica gelangte, laut Brittany Kaiser, über Quizfragen der FacebookAnwendung Sex Compass und Musical Walrus an Datensätze. Die App This Is Your Digital Life bot FacebookNutzern einen Persönlichkeitstest an.11 Beim Persönlichkeitstest handelte es sich um das psychometrische OCEAN‑Modell. Das Modellsst Aufschluss über das Verhalten zu. Mit dem Fünf-Faktoren-Modell lässt sich psychologisch messen, wie erfahrungsoffen (O für openness to experience), gewissenhaft (C für conscientiousness), extrovertiert (E für extraversion), sozialverträglich (A für agreeableness), labil und verletzlich (N für neuroticism) der Testnehmer ist. Circa 270 Tausend12 Anwender:inne:n stimmten nach Beenden des Tests vom Drittanbieter Global Science Research dem Zugriff (a.) auf ihre FacebookProfile zu und (b.) auf ihre gesamten FacbookKontakte. „[Ü]ber eine von Facebook angebotene Programmierschnittstelle“ (konkret die Friends API) gelangte Aleksandr Kogans Global Science Research so an insgesamt 87 Millionen detaillierte Persönlichkeitsprofile. Die britisch-amerikanische Strategic Communication Laboratories Group (Abkürzung: SCL Group) erwarb die Datensätze für ihre US-amerikanische Tochtergesellschaft Cambridge Analytica. 87 Millionen Datensätze wurden beim Mikrotargeting fruchtbar. Auch die deutschen Volksparteien CDU13 und SPD investierten ins Mikrotargeting für ihren Wahlkampf über Facebook Inc. im Jahr 2017. Weshalb? Mikrotargeting erleichtert Presse-, Öffentlichkeits- und Marketingmaßnahmen durch eine klar und akkurat definierte Zielgruppe. Es erlaubt mit geringem Werbebudget entscheidende Zielgruppen intensiv und häufig anzusprechen. Flächendeckende Werbung richtet sich vergleichsweise an eine unbestimmte Gesamtgruppe. Deshalb hat sie weniger Aussicht auf Erfolg. Das erkannte Google Analytics früh. Laut Brittany Kaiser, unterrichtete Sophie Schmidt [Tochter von Eric Schmidt, CEO von Google Inc.] bei ihrem SCLGroupPraktikum Alexander Nix [CEO des Datenanalyse Unternehmens Cambridge Analytica und Leiter der SCL-GroupAbteilung für Wahlanalyse] von den neuesten Entwicklungen bei Google Analytics und Nix ließ sich auch unterrichten. Nix übertrug das Wissen auf Cambridge Analytica (Abkürzung: CA),14 das für weltweit für 68 Länder15 gearbeitet haben soll. Nach der ehemaligen CADirektorin für Geschäftsentwicklung, Kaiser, sei der Datenskandal „Teil einer viel größeren globalen Operation, die mit Regierungen, Geheimdiensten, kommerziellen Unternehmen und politischen Kampagnen zusammenarbeitet“16. Das erschließt sich mit Kaisers Aussage über die Strategic Communication Laboratories Group (Abkürzung: SCL Group), deren Tochterunternehmen Cambridge Analytica war. Laut ihr expandierte die SCL Group im Jahr 1998 in die Unternehmens- und Geschäftswelt. Nach dem 11. September 2001 habe die SCL Group begonnen, mit dem US-Heimatschutzministerium, der NATO, der CIA, dem FBI und dem Außenministerium im Verteidigungsbereich zu arbeiten. Das Unternehmen habe auch Expert:inn:en ins Pentagon entsandt. Die SCL Group habe Verträge mit UN-Agenturen und mit Gesundheitsministerien weltweit gehabt.17 Das Beispiel von SCLs Tochtergesellschaft Cambridge Analytica belegt, wie verwundbar Demokratien werden könn(t)en. Die komplexen, intransparenten Verflechtungen von Unternehmen und Staat, die kaum merkliche digitale psychologische Aus- und Verwertung persönlicher Informationen sowie die kaum von Berichterstattungen klar abzugrenzende, gezielte und intensive Werbung können beispielsweise Demokratien on- und offline schwächen. Was bedeutet also Borries‘ Frage, ob ich lieber von Apple Inc. oder China regiert werden würde, wenn Apple Inc. ein Staat wäre? Was besagt der Fall Cambridge Analytica im Hinblick auf ‚meine‘ Daten? Lässt sich der Urheberschutz auf den Datenschutz übertragen? Wer sind die ‚Urheber‘ meiner Daten (wie Name, Geburtsdatum, Anschrift)? Wer hat ein Recht auf meine Daten und weshalb?

Ich persönlich habe meine Daten aus vielen Gründen online bereitwillig ausgehändigt, beispielsweise aus Bequemlichkeit, aus Zeit- und Geldmangel. Zwei Professoren der US-amerikanischen Carnegie Mellon Universität haben im Jahr 2008 berechnet, wie lange ich benötigen würde, um von jedem Internetdienstanbieter die Datenschutzerklärung zu lesen. In einem Jahr würde ich 76 Werktage benötigen – in Vollzeit. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung würde sich in Amerika demnach auf Kosten von 781 Milliarden Dollar belaufen.18 Aktuell [2020] würde ich sicher 152 Werktage oder mehr brauchen. Ohne rechtswissenschaftlichen Hintergrund sind die Hürden höher und das Lesen aller Verträge müßiger. Manche Internetdienstanbieter lassen mir keine andere Wahl als ihrem Datenschutzabkommen zuzustimmen. Ich zahle für ihre Informationen mit meinen Daten. Meine Währung sind Daten. Im Unterschied zum Geldtransfer fehlt mir die Information, wie viel ich gerade (von mir) ausgebe. Wie viel habe ich bezahlt? Was kostet mich das auf lange Sicht? Das bleibt für mich oft intransparent. Kann ich meine Daten schützen? Wie? Wie kann die Verletzung meiner Datensicherheit und/oder Persönlichkeitsrechte rechtlich19 unterbunden werden? Was gäbe es für gleichheitsschaffende Re:Finanzierungsmodelle, die weder auf meine Daten gründen noch auf gezielter Werbung oder Paywalls20? Das führt mich zu Borries‘ Werken.

 

 

Story oder History, das ist hier die Frage

Borries‘ Kunstwerke regen mich an, zu überlegen, wie Medien emanzipatorisch gebraucht und gedacht werden können. Das begreift für mich auch die Rolle der Vertrauensbildung beim Medienkonsum ein. Wie wird Vertrauensvorschuss geschaffen? Vertrauen wird mitunter über ‚die‘ (Einzahl) Geschichte gebildet. Bei meinem Bundesfreiwilligendienst an der Oper erfuhr ich auch vom „Business Storytelling“ als Kommunikationsstrategie für Presse-, Öffentlichkeits- und Marketingmaßnahmen. Das reizte mich als Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Im Selbststudium befasste ich mich damit. Eine „Geschäftsgeschichte zu erzählen“ folgt – für mich – der Dramaturgie eines Regiebuches des Tanz-, Musik- und/ oder Sprechtheaters oder eines filmischen Drehbuchs. Vereinfacht wird die Ausgangssituation des Unternehmers/der Unternehmerin geschildert und wie er/sie Komplikationen auf seinem/ihrem Weg zum Erfolg begegnen. Die ‚narrative Psychologie‘ soll Empathie schaffen. Über Empathie soll ich mich identifizieren. Identifikation verbindet Menschen im Lebensgefühl und im Nationalgefühl. Das Lebens- und Nationalgefühl wird über erfolgreiches „Business Storytelling“ transportiert. Das Produkt nimmt über das Vehikel der persönlichen Geschäftsgeschichte selbst persönliche Züge an. Mir werden emotionale Werte übertragen, die ich übertrage. Gelingt das Erzählen einer Geschäftsgeschichte, werde ich zum treuen Käufer und Verkäufer. Letzteres, indem ich meine Begeisterung bekunde und multipliziere. Ich werde zum ‚Multiplikator‘ der Erfolgs:Geschichte über das Wachsen an Komplikationen und über sozialen Aufstieg (ohne etwaige Auswüchse). Die US-amerikanische Erfolgsgeschichte von Steve Jobs ‚Garagen‘-Unternehmen Apple Inc. ist ein Beispiel für sehr gutes „Business Storytelling“. In der Ausgangssituation ist ihm Apple Inc. entwachsen. Der Unternehmensgründer wird aus seinem eigenen Unternehmen entlassen. Jobs „Scheitern“ (Komplikation) mit seinem Computerunternehmen Next bereichert ihn um wertvolle Erfahrungen. Er hat aus seinen Fehlern gelernt und wird erfolgreich das Filmproduktionsunternehmen Pixar gründen und schließlich Apple Inc. leiten. Bei Jeff Bezo bildet Personalmangel die Ausgangssituation. An seinem Schreibtisch grübelt der Unternehmensgründer von Amazon.com Inc. über einen Ausweg. Seine Ausgangssituation, der Personalmangel, lässt ihn erfinderisch werden. Alles drei, Mangel, Sparsamkeit und Innovationsgabe, wird durch seinen Schreibtisch symbolisiert – eine alte Tür, gestützt durch zwei Schreibtischböcke. Die Geschäftsgeschichte über Bezos Sparsamkeit, die ihn zur Innovation veranlasst, hat sich als Unternehmensführungsprinzip etabliert. Beide Geschäftsgeschichten ermutigen. Mit Worten, Bildern und Videos werden Geschäftsgeschichten (wie das eigene Glück?) geschmiedet21. Geschäftliche oder historische Re:Inszenierungen von Geschichte sind identitäts- und sinnbildend. Das wirft ein Schlaglicht auf 70 bis 700 Millionen druck- und/oder filmreife Geschichten (bei 1% bis 10% Erfolgs:Geschichten weltweit). Bei 7 Milliarden Menschen werden geschätzt 6 Milliarden 930 Millionen bis 6 Milliarden 300 Millionen Geschichten ausgeblendet, auf die Borries punktuell ein Licht wirft. Mit seinen online frei zugänglichen Essayfilmen leuchtet Borries für mich die Nähe von der „History“ zur „Story“ und umgekehrt aus. Neben Erinnerungsproduktionen möchte ich zivilen Ungehorsam, Datenschutz, emanzipatorischen und barrierefreien Mediengebrauch online thematisieren.

 

 

1 Bei der Inklusion wird unter Anerkennung und Abwägung aller Interessenparteien gemeinsam eine Lösung gesucht, eine Lösung, die für alle Interessenparteien in ihrer Unterschiedlichkeit möglichst gleichermaßen geeignet ist. Inklusion soll für ein gleichberechtigtes nebeneinander sorgen. Bei der Integration soll sich der Betroffene vergleichsweise an das System anpassen.

2 Vgl. Ricoeur, Paul (2004): Erster Teil. Über Gedächtnis und Erinnerung. Zur allgemeinen Orientierung. In: ders. (Hrsg.): Gedächtnis – Vergessen – Geschichte. Aus dem Französischen übersetzt von Markus Sedlaczek, Hans-Dieter Gondek und Heinz Jatho. München: Wilhelm Fink Verlag, S.22.

3 Vgl. Ricoeur, Paul (2004): Vorwort. In: ders. (Hrsg.): Gedächtnis – Vergessen – Geschichte. Aus dem Französischen übersetzt von Markus Sedlaczek, Hans-Dieter Gondek und Heinz Jatho. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 15.

4 Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine, zu Beginn des Films.

5 ts/dpa (2012): Apple-Fertiger. Foxconn-Arbeiter sterben fürs iPad. (30.03.2012). In: Clausen, Sven Oliver/Noé Martin (Chefredakteure): Manager Magazin. Hamburg: Manager Magazin Verlagsgesellschaft mbH, URL: https://www.manager-magazin.de/digitales/it/a-824713.html, aufgerufen am 20. April 2020. Und Gibney, Alex (2015): Steve Jobs. The Man in the Machine, (ab circa 1:35:03 | Stunde:Minute:Sekunde der Dokumentation).

6 Chamberlain, Gethin (2011): Apple‘s Chinese workers treated ‚inhumanely, like machines‘. Investigation finds evidence of draconian rules and excessive overtime to meet western demand for iPhones and iPads. (30. April 2011). In: Viner, Katharine (Hrsg.): The Guardian. London (Großbritannien): Guardian News & Media Ltd., URL: https://www.theguardian.com/technology/2011/apr/30/apple-chinese-workers-treated-inhumanely, aufgerufen am 18. April 2020.

7 Jobs ausführliche Antwort kann eingesehen werden auf: URL: https://www.youtube.com/watch?v=2gOu50HaEvs, aufgerufen 24. April 2020.

8 Vgl. Ewing, Eve (2018): Chapter 3. Dueling Realities. In: dies. (Hrsg.): Ghost in the Schoolyard. Racism and School Closings on Chicago‘s South Side. Chicago and London: The University of Chicago Press, S. S. 101 zitiert nach Espeland and Sauder: Engines of Anxiety, S. 1.

9 Der Begriff Dreh lehnt sich hier an den englischen Begriff des Spindoctors in der Politik an.

10 Vgl. Schweizer Radio und Fernsehen (2020): Whistleblower der Cambridge Analytica – Brittany Kaiser im Interview | SRF Sternstunde Philosophie. Erstausstrahlungstermin der Fernsehsendung: 26. Januar 2020. In: Wappler, Nathalie (Leitung): Schweizer Radio und Fernsehen. Zürich, URL: https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/brittany-kaiser-rezepte-gegen-die-drohende-daten-diktatur?urn=urn:srf:video:34870502-da75-4fc2-9705-ee24b1897538, aufgerufen am 4. Mai 2020, (ab circa 22:18 bis circa 22:40 | Minute:Sekunde der Sendung).

11 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Facebook. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 148 f.

12 Vgl. Dachwitz, Ingo/ Rudl, Tomas/Rebiger, Simon (2018): FAQ. Was wir über den Skandal um Facebook und Cambridge Analytica wissen [Update]. (21.03.2018). In: Beckedahl, Markus (Hrsg.): netzpolitik.org. Berlin: netzpolitik.org e. V., URL: https://netzpolitik.org/2018/cambridge-analytica-was-wir-ueber-das-groesste-datenleck-in-der-geschichte-von-facebook-wissen/#vorschaltbanner, aufgerufen am 3. Juni 2018.

13 Nach Brittany Kaisers Angaben hat Cambridge Analytica auch bei der CDU einen Agenturpitch zur Vermarktung des CDUWahlkampfs gehabt (Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Facebook. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 144).

14 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 63 und S. 96.

15 Vgl. Cadwalladr, Carole (2020): Fresh Cambridge Analytica leak ‘shows global manipulation is out of control’. (4. Januar 2020). In: Viner, Katharine (Hrsg.): The Guardian. URL: https://www.theguardian.com/uk-news/2020/jan/04/cambridge-analytica-data-leak-global-election-manipulation, aufgerufen am 17. April 2020.

16 Cadwalladr (2020), URL: https://www.theguardian.com/uk-news/2020/jan/04/cambridge-analytica-data-leak-global-election-manipulation, aufgerufen am 17. April 2020.

17 Vgl. Kaiser, Brittany (2019): Crossing Over. In: dies. (Hrsg.): Targeted. My Inside Story of CAMBRIDGE ANALYTICA and How TRUMP, BREXIT and FACEBOOK Broke Democracy. London (Großbritannien): HarperCollinsPublishers, S. 26.

18 Zuboff, Shoshana (2019): August 9, 2011: Setting the Stage for Surveillance Capitalism. In: dies. (Hrsg.): The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. London (Großbritannien): Profile Books, S. 50.

19Die US-amerikanische Senatorin Elizabeth Warren von Massachusetts schlug im Jahr 2019 einen Corporate Accountability Act zum Datenschutz vor. Der sieht vor, dass sich Unternehmen strafrechtlich und zivilrechtlich verantworten zu haben, wenn sie durch Fahrlässigkeit die Datensicherheit verletzen. In das Gesetz spielt mir rein, wie viel Spielraum der Corporate Accountability Act Unternehmen für rechtliche Winkelzüge lässt und ob Medienkonsumenten das Datenschutzabkommen lesen.

20 Bei Paywalls werden Inhalte aus monetären Gründen online gesperrt.

21 Das Englische „wordsmith“ für Wortschöpfer, seltener für Wortschmied, erinnert beim erfolgreichen Geschichten erzählen an die Redewendung jeder sei sein „Glückes Schmied“.



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